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Kulturpresseschau | Beitrag vom 24.06.2019

Aus den FeuilletonsVon liberalen Dissidenten zu "Volksverrätern"

Von Adelheid Wedel

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Die Demontage des Grenzzauns nahe Nickelsdorf (Österreich) und Hegyeshalom (Ungarn). Angehörige der ungarischen Grenztruppe haben am 02. Mai 1989 damit begonnen, die Sperranlagen an der ungarisch-österreichischen Grenze zu entfernen. Bis 1990 sollen alle Grenzsperren an der rund 350 Kilometer langen Grenze abgebaut sein. (Votava / dpa / picture alliance)
Als die Welt noch in Ordnung war: Öffnung der Grenze in Ungarn im Mai 1989 (Votava / dpa / picture alliance)

Viel Geschichte in den Feuilletons: Zwei Historiker beschäftigen sich in der "Süddeutschen Zeitung" mit der Erinnerungskultur in Ungarn unter Orbán. Und stellen fest: Die liberale Erzählung vom demokratischen Aufbruch ist in die Defensive geraten.

 "Die deepfakes sind eine Gefahr", schreibt Nina Rehfeld in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG und erklärt:

"Das gesprochene Wort gilt nicht mehr. Zumindest nicht im Internet, wo sich Videos verbreiten, die Prominenten täuschend echt falsche Sätze in den Mund legen."

Rehfeld beschreibt Beispiele einer sprunghaft wachsenden Gefahr, vor deren Konsequenzen der amerikanische Tech-Experte Aviv Ovadya seit 2016 warnt:

"Die Geschwindigkeit der wachsenden technologischen Kapazitäten drohe unsere Fähigkeit, sie zu verstehen und rechtzeitig zu regulieren, zu übersteigen."

Ovadya, den Rehfeld zitiert, machte hellsichtig auf ein Problem aufmerksam:

"Unsere Zivilisation baut auf unserer Fähigkeit, Fakt und Fiktion zu unterscheiden, und Demokratien leben von Vertrauen. Was geschieht mit unseren Gemeinden, mit unseren Regierungen, mit unseren Unternehmen, wenn wir dem nicht mehr trauen können, was wir sehen, hören und lesen?"

Kann man aus der Geschichte lernen?

In der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG gibt es eine Schlagzeile: "Vergleiche zwischen heute und den dreißiger Jahren sind eine Verzerrung." Der Historiker und Holocaust-Forscher Yehuda Bauer beurteilt im Gespräch mit Hansjörg Müller den Antisemitismus und die Situation in Deutschland.

Er glaube, sagt er, dass Deutschland weniger anfällig sei für autoritäre Versuchungen als andere Länder. "Deutschland ist heute ein liberales Land", meint der Historiker, und er könne sich nicht vorstellen, dass die AfD jemals eine Mehrheit gewinnen könnte, auch wenn die Rechte in letzter Zeit stärker geworden ist. Auf die Frage, ob er zu den Historikern gehöre, die sagen, dass man aus der Geschichte lernen kann, antwortet der ehemalige Leiter des International Center for Holocaust Studies:

"Es ist bestimmt besser, es zu versuchen, als nichts zu tun. Ob es gelingt, wissen wir nicht."

Neuinterpretation der ungarischen Geschichte

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG veröffentlicht einen Artikel zu Ungarn und dabei speziell zu den Erinnerungen an 1956 und 1989. Tobias Rupprecht und Dora Vargha, beide Historiker an der britischen Universität von Exeter, stellen fest:

"Ungarns Regierung will diese Erinnerung kontrollieren. Unabhängige Forschungsinstitute stören da nur."

Die Autoren machen deutlich:

"Parallel zu ähnlichen Tendenzen in ganz Osteuropa hat die ungarische Geschichte eine Neuinterpretation erfahren. Drei Jahrzehnte nach 1989 ist das liberale Narrativ vom demokratischen Aufbruch in die Defensive geraten. Seine akademischen Verteidiger stehen entweder in der Schusslinie der Regierung oder haben bereits Ungarn den Rücken gekehrt. Aus den einstigen Helden des Übergangs, den liberalen Dissidenten und den zum Rückzug bereiten Reformkommunisten, wurden Verräter des Volkes", so die amtliche ungarische Version heute.

Czernin auf dem Weg zum Glück

Eine der schönsten Überschriften in den Feuilletons vom Dienstag heißt: "Das Schreiben ist eine Utopie vom Glück." Paul Jandl fiel diese Überschrift zu einem Porträt des österreichischen Schriftstellers Franz Josef Czernin in der NEUEN ZEÜRCHER ZEITUNG ein.

Wir erfahren über den Schriftsteller nicht nur, dass er "in einem schmalen Tal in der Steiermark, in einem alten Forsthaus wohnt, auf das die Sonne viele Monate im Jahr nicht scheint", sondern auch was und worüber er schreibt. Jandl fasst zusammen:

"Neben Czernins Paraphrasen und Überschreibungen der Grimmschen Märchen, die unter dem Titel 'Der goldene Schlüssel und andere Verwandlungen' erschienen sind, gibt es einen zweiten Band: 'Das andere Schloss', kurze Notate und aphoristische Selbstvergewisserungen."

Jandl meditiert im Sinne des Schriftstellers:

"Wenn man schreibt, dann ist man auch eine Art Hans im Glück. Man hat Wörter, für die man etwas bekommt. Einen neuen Sinn vielleicht. Und aus den Wörtern und dem Sinn wird ein Gedicht oder eine Geschichte. Ist das Schreiben also ein Glück oder ein Verlustgeschäft? Zumindest ist es eine Utopie vom Glück."

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