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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 31.07.2019

Aus den FeuilletonsUndercover im Seifenladen

Von Arno Orzessek

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20.04.2018, Niedersachsen, Hannover: Verschiedene Sorten bunter Seife stehen in einer Filiale des britischen Unternehmens "Lush" auf einem Tisch. (Hauke-Christian Dittrich/dpa)
Die Happiness ist weg: "Taz"-Autor Adrian Schulz arbeitete in einer deutschen Lush-Filiale. (Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Die britische Kosmetik-Marke "Lush" rühmt sich als ethisches Unternehmen: Dass die Bedingungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Läden dazu offenbar nicht so richtig passen, beschreibt Adrian Schulz in der "Taz".

Waren Sie schon auf der diesjährigen Biennale in Venedig? Dann haben Sie bestimmt auch den litauischen Pavillon besucht. Dort kann man im Rahmen einer Performance gefakten Touristen zugucken, die sich im Sand herumlümmeln, als lägen sie an einem echten Strand. Wir selbst waren nicht in Venedig – wir beschreiben die Situation anhand des Fotos, mit dem die Wochenzeitung DIE ZEIT nun den Artikel "Die Kunst der Scheinheiligkeit" bebildert.

"Der Besucher investiert Geld und Zeit", heißt es dort, "um die Werke zu betrachten, und bekommt im Gegenzug das gute Gefühl vermittelt, selbst keiner der geschmähten Touristen zu sein, sondern etwas ganz anderes, etwas Besseres: ein Reisender in Sachen Kultur, der garantiert auf der richtigen Seite steht. Gerade dieses Wohlgefühl ist natürlich die beste Voraussetzung dafür, dass alles schön beim Alten bleibt … Die Kulturwelt insgesamt, vor allem aber der Kunstbetrieb produziert einen ökologischen Fußabdruck, der ähnlich maßlos ist wie der Geltungsdrang der Branche", wettert Hanno Rauterberg.

Mit dem Finger nur auf die anderen zeigen

Und weil derartige Rundumschläge im Feuilleton rar sind, geben wir dem ZEIT-Autor gern noch ein bisschen mehr Raum. "Wie wirkungslos eine sozial und politisch gepolte Kunst in der Regel ist", poltert Rauterberg, "zeigt sich bereits daran, dass Künstler-Appelle grundsätzlich nur die anderen meinen. Diese anderen sind es, nicht die Künstler selbst, auch nicht die Museen, Theater oder Filmstudios, die sich ganz dringend ändern sollen. Es gilt die alte Regel: Je moralisierender das Pathos der Kunst, desto schwächer die Bereitschaft zur Selbstkritik."

Soweit die ZEIT. Apropos ökologischer Fußabdruck: Keine lange Anreise wert war offenbar Simon Stones Inszenierung der Oper "Médée" von Luigi Cherubini im Rahmen der Salzburger Festspiele. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG jedenfalls winkt Jan Brachmann ab. Am meisten nervt ihn, dass die Oper über den antiken Mythos von der gewalttätigen Medea von Filmen begleitet wird.

"Die Filme laufen, ohne dass sie zum Geschehen auf der Bühne in Bezug treten würden. Dircé singt, dass sie sich vor Médée fürchtet, und steht vor der Filmleinwand einfach rum. Dieses Rumstehtheater sehen wir auch zwischen den Kleiderschränken eines Brautmodenschneiders, in der teuren Trostlosigkeit einer Hotellobby, im – ach, ja, schon wieder – Nachtclub mit dünn bekleideten Frauen, die beim Go-go-Dance ihren Intimbereich an einer Stange reiben", schreibt Brachmann. 

"Alles ist Krampf, alles ist Behauptung, alles ist ein billiges Jonglieren mit Schlüsselreizen. Der Ernst der Debatten, die hier zu führen wären, wird einfach verramscht. Simon Stone weiß mit den singenden … Menschen nichts anzufangen. Eine Interaktion zwischen den Figuren findet nicht statt." Der Verriss des Tages – verantwortet von dem FAZ-Autor Jan Brachmann.

Von wegen reingewaschen

Doch zurück zur Scheinheiligkeit. Die TAGESZEITUNG veröffentlicht einen Erfahrungsbericht von Adrian Schulz über die Arbeit bei Lush. Jener britischen Kosmetik-Marke, die sich selbst als "ethical brand" anpreist, also vorgibt, nach ethischen Grundsätzen zu handeln. Der TAZ-Autor Adrian Schulz hat davon während der Arbeit in einer deutschen Lush-Filiale nichts bemerkt – und einige seiner Kolleginnen ebenfalls nicht.

"'Was bringt es', fragt Natascha, 'Bauern und Tiere fair zu behandeln und die eigenen Mitarbeiter zu quälen?' Sie redet schnell und viel, wie ein guter Lush-Mitarbeiter. Nur die Happiness ist weg. In ihrer Zeit bei Lush erlitt sie einen Hörsturz, sagt sie, bekam Panikattacken und schlechte Haut, (…) und das inmitten von Gels und Cremes. Ihre erste Chefin sei nach ihrer Entlassung ein Jahr arbeitsunfähig gewesen. Kollegin Anastasia bekam Migräneanfälle, Jana schwere Depressionen. Wie lange bin ich noch gesund?", das fragt sich der TAZ-Autor Adrian Schulz in seinem Bericht, in dem die Namen der zitierten Lush-Kolleginnen übrigens geändert wurden.

Tja, viel Ermunterndes war heute nicht dabei. Und gerade deswegen wünschen wir Ihnen – mit einer Überschrift der Wochenzeitung DER FREITAG - eine "Volle Pulle Leben".

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