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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 05.04.2020

Aus den FeuilletonsTipps fürs Pandemie-Styling

Von Arno Orzessek

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Eine Frau mit einer schwarzen Gesichtsmaske. Darauf in weiß Klammern. (Unsplash / Flavio Gasperini)
Selbst der uniforme Maskenlook bietet Spielraum für Individualität - die "taz" wirft einen satirischen Blick darauf. (Unsplash / Flavio Gasperini)

Selbstgenähte "Mama-Maske", die „Antifa-Montur“, die „selbst in Corona-Zeiten“ aneckt und die Design-Maske für 600 Euro: Die „taz“ liefert sarkastische Tipps fürs Pandemie-Styling - "gerade noch zur rechten Zeit", schreibt die Zeitung.

"Masken für alle!", fordert die TAGESZEITUNG. Da wir Ihnen das Ansinnen der TAZ nur akustisch nahebringen können, seufzen Sie vielleicht: Puh, dann folgt jetzt wohl die x-te Moralpredigt über Corona-korrektes Verhalten! Aber nein, dergleichen folgt nicht! Die TAZ erlaubt sich nämlich, ein bisschen herumzublödeln.

Und zwar indem sie, wie es heißt, "gerade noch zur rechten Zeit die richtigen Tipps fürs Pandemie-Styling" liefert. Vorgestellt wird die selbstgenähte "Mama-Maske", die "Sinnspruch-Maske" für Klugscheißer, die "Antifa-Montur", die "selbst in Corona-Zeiten" aneckt und so weiter – jedes Exemplar bunt illustriert von Xueh Magrini Troll. 

Die Maske - das solidarische In-Accessoire

Zur "Design-Maske, die nur 600 Euro kostet und trendet", erklärt Patrick Wagner:

"Die Marke Supreme gibt es bei uns nur online zu kaufen, man muss also nicht mal das Haus verlassen. Macht sich gut im Instagram-Feed: das solidarische In-Accessoire! Kombiniere sie mit Klamotten anderer teurer Marken, so sehen alle, wie viel Geld Mama und Papa dir in den Arsch schieben."

Die TAZ - sarkastisch in infektiöser Zeit.

"Covidioten im Flächenbrand"

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG schimpft die brasilianische Schriftstellerin Katherine Funke auf "Covidioten im Flächenbrand". Natürlich gehört zu den Covidioten Brasiliens Präsident Bolsonaro, der sich trotz weltweiter Covid-19-Opfer gebrüstet hat: "Ich lebe mein normales Leben!"

"In dieser Pandemie sind wir ohne Führung. Brasilien weiß nicht, wo es enden wird", resigniert Katherine Funke, deren Anklage samt dem "Covidioten"-Wortspiel Michaela Matz für die SZ aus dem Portugiesischen ins Deutsche übertragen hat.

"Von Carnivoren und Coronaviren"

Ebenfalls wortspielerisch aktiv: Die Tageszeitung DIE WELT. Unter der Überschrift "Von Carnivoren und Coronaviren" bespricht Michael Pilz "Die fabelhafte Welt der fiesen Tiere" von Frank Nischk.

"Nischk erzählt von gefährlichen Geschöpfen wie der Kurzschwanzgrille, die durch ihren schrillen Lärm die amerikanische Diplomatie verhindert hat (Obamas Abgesandte flohen vor dem hirnerweichenden Zirpen, Trumps Vertraute halten es noch heute für eine perfide Schallwaffe). Das Buch handelt von höllisch peinigenden Riesenameisen und von mörderischen Treiberameisen, die in ihrer Vernichtungswut mehr töten als jede Epidemie. Das allerschlimmste Raubtier, heißt es, sei der Mensch. Aber das stimmt nicht und zwar nicht erst, seit ihm das Coronavirus nach- und zusetzt."

Michael Pilz, ordentlich getriggert von Frank Nischks "Die fabelhafte Welt der fiesen Tiere".

Die potenzielle Täterschaft des lyrischen Ichs

Wir lassen die WELT aufgeschlagen, wechseln aber in die virenfreie Zone. "Wer vergewaltigt hier wen?" heißt der Artikel, in dem Jan Küveler den Rammstein-Sänger und Dichter Till Lindemann verteidigt, von dem ein Gedicht vorliegt, in dem es heißt: "Ich schlafe gern mit dir, wenn du schläfst / wenn du dich überhaupt nicht regst."

Und weil das lyrische Ich das Objekt seiner Begierde vorher mit Rohypnol betäubt hat, wird Lindemann die Verherrlichung einer Vergewaltigung vorgeworfen – namentlich von Carsten Otte vom SWR.

Jan Küveler zieht zum Vergleich Woody Allens Biographie "Ganz nebenbei" heran. Deren Veröffentlichung wollten einige Rowohlt-Autoren verhindern, weil Allen von diversen Seiten unterstellt wird, er habe in den 90ern seine Zieh-Tochter Dylan Farrow vergewaltigt.

"Woody Allen", so Jan Küveler, "hat zwar wahrscheinlich nicht vergewaltigt (komplizierte Geschichte), aber das immerhin in der Realität. Till Lindemann vergewaltigt dagegen eindeutig, aber in der Fantasie. Genauer könnte man sagen, er entwirft ein lyrisches Ich, dass sich im Fantasiereich der (von mir aus: schlechten) Literatur einer Vergewaltigungsfantasie hingibt."

Und eben deshalb, ums kurz zu machen, nimmt der WELT-Autor Jan Küveler den Ramstein-Sänger Till Lindemann in Schutz.

Wie zurück zur tätigen Gesellschaft?

Zurück zum Virus. Die wichtigste aller Fragen – "Welcher Weg führt aus dem strengen Corona-Regime zurück zur tätigen Gesellschaft?" –, die beantwortet Hinnerk Wißmann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Kluger Artikel! Aber leider müssen wir uns aus Zeitmangel an den Ratschlag halten, den uns eine "Fang jetzt nicht damit an!"SZ-Überschrift gibt: "Fang jetzt nicht damit an!"

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