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Kulturpresseschau | Beitrag vom 29.11.2020

Aus den FeuilletonsTeufels Auftrag, Himmels Werk?

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Entwurf des Museums- und Theaterkomplexes Kemerovo. (Coop Himmelb(l)au)
Eines der vier Kultur- und Bildungszentren soll im sibirischen Kemerowo vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au gebaut werden. (Coop Himmelb(l)au)

Wladimir Putins gigantische Bauprojekte in Sibirien und auf der annektierten Krim beschäftigen die "SZ". Ein Anruf beim beauftragten Architekturbüro soll klären, ob Coop Himmelb(l)au auch für den Teufel arbeiten würde.

Baumärkte erfreuen sich in der Corona-Zeit ganz besonderer Popularität. Der deutsche Handelsverband Heimwerken, Bau und Garten hat gerade ein Umsatzplus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr verkündet.

Das liegt nicht nur daran, dass die Baumärkte bekanntlich von jedem Lockdown ausgenommen waren, sondern es hat auch mit der Sache selbst zu tun, der Claudia Mäder in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG nachgeht: Do-it-yourself als Illusion von Sinnstiftung, gerade unter den Bedingungen kulturellen und professionellen Leerlaufs.

Die Autorin ist aber dagegen: "Was soll das Selbermachen nicht alles verbessern! Vom Glück des Individuums bis zur Rettung des Planeten scheint alles eine Frage des Bastelns zu sein", mokiert sie sich und zerpflückt die gängigen Argumente vom Aufstand gegen die Massenproduktion über die Eindämmung des Konsums bis zu den psychischen Trümpfen Entspannung, Genuss, Kreativität.

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"Das mag für manche stimmen", entgegnet Mäder, "vielleicht sogar für viele. Aber bitte: Nicht in jedem Menschen schlummert ein von der Moderne unterdrückter Handwerker, den es endlich zu befreien gälte."

Selbst das Zeitempfinden ist polarisiert

Es läuft also auf die persönliche Disposition hinaus, genau wie beim Zeitempfinden, das die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG thematisiert, und zwar auch im Zusammenhang mit Corona. Es gibt da nämlich psychologische Studien aus Liverpool und aus Kanada, die Sibylle Anderl zusammenfasst: Studien, bei denen nach dem Zeitempfinden der Menschen während des Lockdowns gefragt wurde und die richtig drollige Ergebnisse hervorbrachten: "Für rund vierzig Prozent verging die Zeit schneller als normal, ein ähnlich großer Anteil der Befragten nahm dagegen den Verlauf der Zeit langsamer wahr."

Bevor wir uns auf die "Schwingungseigenschaften kortikaler Neuronen" einlassen, mit denen dann dies und das und das Gegenteil davon erklärt wird, möchten wir sowohl den Wissenschaftlern als auch der Journalistin den Gedanken schenken, dass das Zeitempfinden wirklich eine Frage der persönlichen Disposition ist.

Putins umstrittene Bauvorhaben

Rundfunkleute beispielsweise haben ein verdammt gutes Gefühl dafür, wie lang vier Minuten sind, auch wenn sie nicht auf die Uhr schauen. Und weil diese Presseschau schon halb vorbei ist, greifen wir nach dem Feuilleton - in diesem Fall - der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Dort geht es um ein gigantisches Bauprojekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin, das heißt, eigentlich sind es vier Projekte: vier Kultur- und Bildungszentren, um genau zu sein, mit einem Gesamtbudget von 1,4 Milliarden Euro.

Das wäre für sich genommen schon berichtenswert, aber der Clou dabei ist, dass zwei dieser Zentren vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au geplant werden. Was die Sache jedoch richtig problematisch macht, ist der Umstand, dass eines dieser höchst repräsentativen Gebäude auf der Krim in der Stadt Sewastopol entstehen soll, also in einem Gebiet, das bis vor Kurzem zur Ukraine gehörte und dessen Annexion durch Russland von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt wird.

Das Architekturbüro wiegelt ab

Gerhard Matzig, der Architekturkritiker der SZ, hat Wolf D. Prix, den Chef und Star von Coop Himmelb(l)au, kurzerhand angerufen und ihn gefragt, ob er wohl auch für den Teufel bauen würde:

"Zum einen will Prix 'definitiv nicht für Hitler oder den Teufel bauen, übrigens auch nicht für Stalin', sondern für Putin. Und auch der sei 'nicht der Bauherr, sondern die Russische Föderation'. 'Außerdem geht es um einen Kulturbau und nicht um eine Kaserne.'"

Mit der Berufung auf die Kategorie Kulturbau will Prix den Sanktionen entgehen, die sonst die Bautätigkeit von westlichen Unternehmen auf der Krim betreffen.

Es ist natürlich klar, warum Putin ausgerechnet Prix erwählt hat, denn der Architekt der EZB in Frankfurt, der BMW-Welt in München oder des Musée des Confluences in Lyon ist berühmt dafür, sogenannte Signature Buildings oder Urban Icons zu schaffen. Aber die Diskussion, wie sehr er sich durch den Auftrag auf der Krim kompromittiert, wird jetzt erst noch richtig losgehen.

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