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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.12.2018

Aus den FeuilletonsStreit um den schönsten Film des Jahres

Von Tobias Wenzel

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Das Firmenlogo des Streaminganbieters Netflix in großen, roten, dreidimensionalen Buchstaben an einer weißen Wand, von unten angestrahlt. (Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild)
Die Kinobranche fühlt sich von Netflix bedrängt, weil das Streamingportal Filme ins Kino bringt. (Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild)

Nur im Kino gezeigte Filme können einen Oscar bekommen. Darum will Netflix, dass das eigenproduzierte Meisterwerk "Roma" parallel zum Streaming ins Kino kommt. Doch die Kinobranche will den preisverdächtigen Film der Konkurrenz nicht zeigen.

"Sie mögen Streiks, Manifestationen, Demonstrationen oder gewaltsame Proteste? Dann müssen Sie unbedingt nach Frankreich kommen!", empfiehlt, mit einer ordentlichen Prise Sarkasmus, der französische Schriftsteller und Philosoph Pascal Bruckner in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Bruckner geht mit den Gelbwesten und den anderen seiner Landsleute hart ins Gericht, wenn er das "französische Grundübel" beschreibt:

"Es besteht in einer einmaligen Kombination aus Selbsthass und Arroganz. Bei uns Franzosen kommt eine unerreichte Einbildung (sie nährt sich aus den Erinnerungen an das Grand Siècle, das 17. Jahrhundert, und die Zeit der Revolution) mit einem eklatanten Mangel an Selbstvertrauen zusammen – wie er in vielen der Länder zu beobachten ist, die an Dynamik verlieren. Der französische Fall ist aber der schlimmstmögliche: Hier fehlt einerseits die Selbstsicherheit, ohne die sich nichts Grosses bewerkstelligen lässt, und andererseits die Neugier gegenüber dem anderen, die Bereitschaft, neues vom Ausland zu lernen."

Über das Fremde zu sich selbst finden

Die Neugier gegenüber dem anderen war für Andrej Bitow dagegen geradezu Programm. Ulrich M. Schmidt schreibt, ebenfalls in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, über den nun gestorbenen russischen Schriftsteller:

"Im Idealfall bewirkt die Lektüre eines Buchs dasselbe wie eine geglückte Reise: Man kommt über die kritische Aneignung des Fremden zu sich selbst. Bitow zielte auf eine Selbstaufklärung des Menschen, die er im Medium der Literatur vorbereiten wollte. Das Leben war für ihn der Literatur nachgeordnet."

Manchen Namen seiner Figuren habe man schon an der Nasenspitze abgelesen können, dass sie erfunden waren, bemerkt Lothar Müller in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, nennt das Beispiel "A. Tired-Boffin", fragt dann selbstkritisch "Haben Namen Nasenspitzen?" und antwortet, bei diesem Autor schon, "weil alle Wörter bei Bitow eine Physiognomie haben, nicht nur eine Bedeutung. Er lauscht ihren Lauten nach, und versteckt in den Buchstaben, die diese Laute festhalten, verborgene Botschaften. 'A. Tired-Boffin' ist ein Anagramm von Andrej Bitow".

Kino gegen Streaming als Kulturkampf

"Roma" ist kein Anagramm, sondern ein Stadtteil von Mexico-City und der Name von Alfonso Cuaróns neuem Film. Der hat ihm den Goldenen Löwen von Venedig und eine Oscar-Nominierung eingebracht. Für Christiane Peitz vom TAGESSPIEGEL ist es gar "der schönste Film des Jahres". Aber die Überschrift zu ihrem Artikel macht klar, dass die Freude getrübt ist: "Bilderpracht und Branchenkrieg". Denn der Film läuft nur in wenigen Kinos und in Frankreich in gar keinem.

"'Roma' ist zum Zankapfel geworden, zum Symbol eines Kulturkampfes", schreibt Hanns-Georg Rodek in der WELT. Netflix hat nämlich den Film finanziert, muss ihn aber ins Kino bringen, weil das Voraussetzung für die Oscar-Nominierung ist. Nur ist Netflix das Kino ansonsten egal. Der Streaming-Anbieter missachtet die bisherige Regel, dass das Kino zuerst ein paar Monate allein den Film zeigen darf. Netflix bedroht die Existenz des Kinos selbst. Und deshalb boykottieren viele Kinobetreiber diesen – da sind sich die Feuilletons vom Mittwoch einig – großartigen Film über die mexikanische Kindheit des Regisseurs, diese Hommage an sein Kindermädchen.

Obwohl oder weil Netflix die Kinobetreiber zum Zeigen des Films drängt. In Rodeks Worten: "Es sei, fand ein deutscher Kinobesitzer einen treffenden Vergleich, wie wenn ein Räuber dich bedroht und du ihm auch noch sein Messer schärfen sollst, mit dem er dir die Kehle durchzuschneiden gedenkt."

Ausschließlich traurig sollte man nicht enden. Drum zum Schluss noch eine Kinokurzkritik zu einer Tragikomödie. Til Schweigers US-amerikanisches Remake seines eigenen Films "Honig im Kopf" bewertet der "Observer" laut SZ wie folgt: "So lustig wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung."

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