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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 14.05.2015

Aus den FeuilletonsStreit um angebliche "Demütigung der Muslime"

Von Adelheid Wedel

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Der Platz der Republik ist überfüllt - am 11. Januar 2015 (AFP / Bertrand Guay)
Vier Millionen Menschen setzten am 11. Januar in Paris ein Zeichen gegen den Terror. (AFP / Bertrand Guay)

In Frankreich gibt es viele Widerworte auf das neue Buch des Historikers Emmanuel Todd. Der hatte den Solidaritätsmarsch für "Charlie Hebdo" im Januar als "hysterisch und leicht totalitär" bezeichnet.

Das Erscheinen des Buches "Qui est Charlie?" des französischen Anthropologen, Demografen und Historikers Emmanuel Todd sorgt in Frankreich für Furore. Die FAZ zitiert Todd, der die Solidaritätsmärsche mit vier Millionen Teilnehmern nach dem Anschlag auf das Pariser Satireblatt "Charlie Hebdo" eine "hysterische und leicht totalitäre" Veranstaltung nennt. "Auf die Straße gingen die Mittel- und die Oberschicht, das katholische Frankreich. Es sei um die Ausschließung der Unterschicht gegangen, ganz besonders um die Demütigung der Muslime, der Ärmsten unter den Armen." Das Buch steht ganz oben auf der Bestsellerliste Frankreichs; kein Intellektueller, kein Politiker stimmt Todd zu, einige teilen seine Islamophilie, viele Freunde gehen auf Distanz, lesen wir in der FAZ. Todd preist den Islam als Religion, die das Gebot der Egalité verwirkliche. Die in Frankreich herrschende Islamophobie vergleichen Todd und andere Essayisten mit dem Antisemitismus.

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG greift die Debatte auf. An jenem 11. Januar habe ein hegemonialer Block seine Dominanz über die Arbeiter und die Bewohner der benachteiligten Vorstädte behauptet. Laut Todd setzt sich dieser Block zusammen aus Mittelklasse, Alte und Zombie-Katholiken, kurz: MAZ genannt. "Unausgesprochene Losung der Demonstration sei die Erlaubnis, ja die Weisung gewesen, auf die Religion der Schwachen zu spucken", zitiert Marc Zitzmann in der Neuen Zürcher Zeitung eine der neuen und wirren Thesen im Buch "Qui est Charlie".

In der Tageszeitung DIE WELT fällt eine Kolumne aus dem üblichen Rahmen: Tilman Krause legt sich – nach einigen lobenden Sätzen – mit Bundespräsident Gauck an und kritisiert dessen freundliche, wie er meint allzu freundliche Art bei offiziellen Anlässen. "Spürt er nicht, spürt seine Umgebung nicht, dass hier (am Beispiel des Gedenkens für sowjetische Kriegsgefangene im ehemaligen Häftlingslager Holte-Stukenbrock und im Gedenken an die Auslöschung von Oradour ) "dass hier Herzlichkeit in Übergriffigkeit umschlägt? Er muss in seinem Amt Distanz aushalten", rät Krause.  Gauck geht nicht als ehemaliger Pfarrer zu solchen Terminen, nicht als Christ und Bruder. Er geht vielmehr in seinem Amt als Präsident. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett erfand dafür den Begriff "Tyrannei der Intimität".

"Was müssen wir tun, wenn Kultur zerstört wird?" Diese Frage beschäftigt den deutschen Außenminister. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG veröffentlicht er seine Überlegungen dazu und entwickelt künftige praktische Maßnahmen. In unserer Zeit sei durch verschiedenste Einflüsse "das kulturelle Erbe der Menschen und Völker bedroht. Aufbau und Schutz einer kulturellen Identität" aber sei unerlässlich: "Kultur- und Bildungspolitik lässt das Vertrauen wachsen, das wir brauchen, um zu politischen Lösungen zu gelangen", argumentiert Frank-Walter Steinmeier. Im Gegensatz dazu, so Steinmeier: "Wer anderen ihre kulturelle Identität raubt, verlässt den Boden der gemeinsamen Humanität." An vielen Orten der Welt unternimmt das Deutsche Archäologische Institut Anstrengungen zum Kulturerhalt. Die Zusammenarbeit von Staat, Zivilgesellschaft, Forschungseinrichtungen und Museen sei eine der wesentlichen Stärken deutscher Auswärtiger Kulturpolitik. Dringend müsse in Europa der Schutz vor illegalem Handel mit Kulturgütern verstärkt werden. Dem diene ein neues "Kulturgüterschutzgesetz, das endlich die Verantwortung nicht länger beim geschädigten Land verortet, sondern beim Händler, der eine Lizenz zur Ausfuhr aus dem Herkunftsland vorlegen muss." Steinmeier informiert über ein gemeinsames Vorhaben des Deutschen Archäologischen Instituts als der Forschungseinrichtung des Auswärtigen Amtes, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und anderer deutscher Museen, die ihre Kompetenzen in einem Netzwerk bündeln werden. Das wird den Zugang zum kulturellen Erbe der Welt, zu einem kulturellen Weltwissen ermöglichen und befördern. Unbestritten komme dabei Berlin mit dem künftigen Humboldt-Forum eine Hauptrolle zu.

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