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Kulturpresseschau | Beitrag vom 17.10.2019

Aus den FeuilletonsStreaming ist das neue Fliegen

Von Ulrike Timm

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Eine junge Frau schaut nachts in ihrem Bett liegend auf ihr Tablet und lächelt. (Antonio Guillem / Panthermedia / imago-images)
Im Schlafzimmer einen Film streamen oder bei Google etwas nachschauen - Die Umweltbelastung durch Digitalisierung wird konstant unterschätzt. (Antonio Guillem / Panthermedia / imago-images)

Der "Tagesspiegel" beschäftigt sich mit der ganz und gar nicht CO2-neutralen Film- und Clubszene. Zwar wolle man dort "grüner" werden, es werde aber mehr geredet als getan und nach wie vor steige der CO2-Ausstoß der Branche, lautet das Resümee.

Wer trendige Wörter nachplappert, will klug wirken, macht sich aber lächerlich, findet die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. Und hat allerhand Übelworte ausgemacht, allen voran das "Learning". "Es fällt schwer, ein Wort zu finden, das noch überflüssiger ist, noch aufgeblasener, noch lächerlicher sein könnte als dieses", findet Frank Sieber. Learning - haben Sie noch nie gehört? Glück gehabt!

Das Blöken mit der Herde

Im Zuge des allgegenwärtigen Management-Sprechs hat es schon allerhand Büros erobert, als lebenslanges Learning, Learning by Doing, Learning-Lessons meint der Anglizismus zwar oft nix weiter als "Hört, ich bin versiert" oder tue zumindest so, als ob ich's sei, aber, so die NEUE ZÜRCHER, wer aufgeblasene Ausdrücke benutzt, wolle besonders helle erscheinen, blöke aber meist bloß mit der Herde - wie wahr.

Wobei dieses spezielle Geschwurbel derzeit noch sehr aufs Arbeitsleben begrenzt scheint. "Die Vorstellung jedenfalls, ein Vater könnte seinem im Übermut unsanft gebremsten Kind sagen: 'Das soll dir ein Learning sein', ist vorerst - hoffentlich - nur eine Phantasie."

Manche Ausdrücke der Jugendsprache werden wir aber vielleicht nie mehr offiziell zu Ohren kriegen. Das Jugendwort des Jahres nämlich wird es erst mal nicht mehr geben. War sowieso eine Marketingaktion der Promotion - noch so'n Wort! - des Langenscheidt-Verlages. Der gab alljährlich das kleine Jugendwörter-Lexikon heraus, aber der Verlag wurde verkauft - jetzt gibt's vorerst kein neues, also ist auch mit der Wahl zum "Jugendwort des Jahres" Schluss.

Schluss mit dem Jugendwort des Jahres

TAZ und WELT fanden die Kür zwar überflüssig, bedauern aber trotzdem ihr Ende. Die TAZ spult mit Wonne nochmal allerhand Sieger der letzten Jahre ab, Zitat: "Man wünscht den 'Ehrenmännern und Ehrenfrauen' (Jugendwort 2018) von Langenscheidt, dass sie jetzt nicht 'hartzen' (2009) müssen, aber hey, 'Yolo' (2012)."

Meint das jetzt: macht nix? Yolo, altes Jugendwort! Die WELT ist etwas trauriger, hatte sie doch schon einen Favoriten für dieses Jahr, nämlich VSCO-Girl, für zeitgeistige Öko-Mädchen mit dicken Haargummis in Birkenstocks, die Metallstrohhalme benutzen - "Plastik ist böse!" Wenn so ein VSCO-Girl auch noch nicht zu ihrem Wortschatz gehört, sind Sie sicher über 20!

Aber manches kommt auch immer wieder, die WELT spaziert gleich durch 250 Jahre Jugendsprache und lehrt uns, dass Pech haben und jemanden anpumpen mal provokante studentische Sprachschöpfungen der Goethe-Zeit waren! Und ein Ausdruck wie "krass", im 18. Jahrhundert benutzt für etwas unbedarfte Greenhorns, hat nach 250 Jahren Pause dann wieder Hochkonjunktur und kam wieder in Mode, als "erstaunlich, toll" nämlich.

Alles klaro – gehen wir noch mal kurz die Welt retten.

Die Kulturbranche als Klimakiller

Im TAGESSPIEGEL findet sich eine komplette Seite zum "Klimakiller Kultur", Film- und Clubszene wollen grüner werden, keine Wegwerfbecher mehr, "Weniger fliegen, mehr Bahn fahren, mehr LED-Licht, Elektro- und Erdgasfahrzeuge und bloß kein Plastikgeschirr am Cateringbus", so heißt auch hier die Devise.

"Dummerweise wird aber weit mehr geredet als getan, nach wie vor steigt der CO2-Ausstoß der Branche", die Richtlinien scheut wie der Teufel das Weihwasser, so der TAGESSPIEGEL. Immerhin, Al Gores Klimafilm "Eine unbequeme Wahrheit" kam 2006 CO2-neutral ins Kino, geht also! Was jedoch oft übersehen wird: "Streaming ist das neue Fliegen", es sieht bloß sauberer aus. "Pro Sekunde bräuchte es 23 Bäume, um das weltweite Googeln auszugleichen."

Also erst selber denken, dann googeln, der Umwelt zuliebe.

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