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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 05.10.2020

Aus den FeuilletonsStarke, die Schwäche zeigen

Von Hans von Trotha

Eine Plastik zeigt die früheren Staatschefs Josef Stalin, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt einander zugewandt sitzend. (dpa/ Mikhail Tereshchenko/TASS)
Wenn Staatschefs sitzend oder hinter großen Rednerpulten gezeigt werden, dient das oft dem Kaschieren von Erkrankungen: Roosevelt (M.) litt an Polio, daneben Churchill (l.) und Stalin. (dpa/ Mikhail Tereshchenko/TASS)

Die Coronaerkrankung des US-Präsidenten nimmt die "Süddeutsche Zeitung" zum Anlass für einen Rückblick: Churchill herzkrank, Roosevelt gelähmt, Stalins Gefäße verkalkt. Regierende werden krank wie alle anderen. Das wurde nur oft verschleiert.

In der SÜDDEUTSCHEN geht Gustav Seibt der Frage nach: "Warum Regierende lieber nicht krank werden sollten". Was sie trotzdem tun, immer schon und in Scharen. "Der Vorteil, den ihnen in modernen Zeiten eine gute medizinische Versorgung verschafft", findet Seibt einfühlsam, werde "aufgewogen vom oft unmenschlichen Druck, der auf ihnen lastet".

"Demokratische Schwächeanfälle", zeigt Seibt an historischen Beispielen, "können in den Alltag der Politik integriert werden. Diktatoren dagegen müssen nicht nur ihre funktionale Unersetzlichkeit sichern", sondern "sie leben auch vom Bild persönlicher Kraft, dem Zusammenspiel von Seelenstärke und körperlicher Leistungsfähigkeit."

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Was die Frage aufwirft und auch gleich beantwortet, um was für eine Art Staatsmann es sich bei Donald Trump handelt, der übrigens bei Seibt gar nicht vorkommt.

Es gab schon viele kranke US-Präsidenten

Direkter geht es Philipp Lichterbeck im TAGESSPIEGEL an. Er spricht vom "Morbus Trump", stellt aber fest: "Es gab schon viele kranke US-Präsidenten." Die Frage: "Muss der mächtigste Mann der Welt bei körperlicher Gesundheit sein?" verneint Lichterbeck: "Ausgerechnet einige der kränksten Männer" seien "herausragende Staatsoberhäupter" gewesen.

Wer daraus voreilig Hoffnung schöpft, sei auf folgenden Passus in demselben Text hingewiesen: "Untersuchungen belegen bei Trump einen abnehmenden Wortschatz sowie einen immer primitiveren Gebrauch des Englischen – laut Wissenschaft klare Anzeichen für eine beginnende Demenz. Symptome, die aber auch auf Joe Biden zutreffen könnten, der sich häufig verhaspelt, Sätze nicht zu Ende bringt und häufig neben sich zu stehen scheint."

Wer da nicht an das Schrei-Duell der beiden denkt, das hierzulande nicht viele gesehen haben, über das aber umso mehr geschrieben wurde – Anlass für den deutsch-amerikanischen Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, in der WELT die Lust am "Untergang Amerikas" als vermeintlich "deutsche Obsession" zu entlarven.

Wenn die Wirklichkeit zu banal ist

"Für die in Europa anvisierte analytische Tiefe" stellt Gumbrecht fest, "war die Wirklichkeit des Kandidatenduells allzu banal geraten. Präsident Trump hatte sich wieder einmal in der Rolle des Rüpels ohne Interesse an differenzierten Inhalten bewährt." "Vielleicht", mutmaßt Gumbrecht, "meinten seine Berater, er sei übers Ziel hinausgeschossen und haben ihm nun zum Ausgleich die Rolle des Corona-Opfers verordnet; Joe Biden hielt nach Kräften dagegen, um den Verdacht seniler Schwäche und seinen Hang zu Sätzen ohne Abschluss zu bannen."

"Warum wollen uns die Europäer so gerne im Schwindel des Abgrunds sehen?", fragt der Wahl-Amerikaner Gumbrecht und macht mit seiner Antwort nicht einmal rhetorische Umwege: "Noch die harmloseste Amateurpsychologie wird zuerst auf einen sedimentierten Minderwertigkeitskomplex gegenüber der ehemaligen Kolonie setzen."

"Wir mögen", schreibt Gumbrecht, "'Konsens' müde sein und ungeschickt im Umgang mit 'würdigen' Formen der politischen Auseinandersetzung" - "Konsens" und "würdig" setzt er als Zitate übrigens in Anführungszeichen – aber "erbitterte Duelle" (auch das zitiert er für die Schlusspointe): "und scharfe Kontraste müssen weiter zu unserem Alltag gehören."

"Dschungelcamp for future"

Chefredakteur der WELT, in deren Feuilleton Gumbrecht das schreibt, ist Ulf Poschardt. Wie der sich die Hölle vorstellt, ist, passend dazu, im Feuilleton der SÜDDEUTSCHEN zu lesen, für das Philipp Dovermann davon berichtet, wie sich Influencer fünf Tage lang unter einer durchsichtigen Kuppel einsperren lassen, um "eine Klima-Dauershow ins Netz" zu stellen, ein "Dschungelcamp for Future", beziehungsweise "Big Brother für die Generation, die selbst die Kameras für die Rundumüberwachung mitbringt".

"Alle verstehen sich prima", heißt es da, "und kochen zusammen vegane Mahlzeiten, wenn sie nicht gerade über E-Mobilität diskutieren. So", lesen wir in der SÜDDEUTSCHEN, "stellt sich Ulf Poschardt die Hölle vor." Nicht weniger hart fiel übrigens das Urteil von Joey Kelly aus, der unter der Kuppel zu Besuch war und danach meinte: "Ihr seid wie die Kelly Family".

"Vielleicht", denkt Philipp Dovermann das zuende, "wird die Kellyfamilysierung die Welt retten, wenn alle Menschen Brüder und Schwestern werden und sich gegenseitig per Stream zuschalten, bis zur totalen Übertragung – bis jemand den Stecker zieht und man plötzlich die Vögel zwitschern hört."

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