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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.09.2019

Aus den FeuilletonsSitzengelassen vom kleinen Bruder

Von Hans von Trotha

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Die beiden Brüder Boris und Jo Johnson laufen nebeneinander. Beide tragen einen dunklen Anzug und ein helles Hemd. (imago images / i Images / Andrew Parsons)
Premierminister Boris Johnson und sein Bruder. Jo Johnson (zuletzt Minister) trat zurück. Er sei "zwischen Loyalität gegenüber der Familie und dem Interesse der Nation" zerrissen. (imago images / i Images / Andrew Parsons)

Dass im Kabinett von Boris Johnson Abgeordnete zurücktreten, ist kaum mehr außergewöhnlich. Nun verließ ihn auch sein eigener Bruder, Jo Johnson (ehemals Minister). Die "NZZ" druckt einen ausführlichen Text über das Polit-Bruderpaar.

Die FAZ schaut in den "New Yorker", die NZZ in die "Sunday Times", und der TAGESSPIEGEL schaut "Anne Will".

Im New Yorker liest Jan Wiele für die FAZ Jonathan Franzen, mit "nach zuletzt eher drögen Zeiten seiner Essayistik" einigem Widerwillen, dann mit logischem Unwillen, schließlich mit dem Willen, sich zu amüsieren: Franzen habe, so Wiele "zumindest eines erreicht: Er hat wieder einmal einen amüsanten Text geschrieben." Was offenbar nicht seine Absicht war, geht es doch um die "Klima-Apokalypse".

"Franzen rät", so Wiele, "allen, ihre eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, mithin 'jeden Tag an den Tod zu denken anstelle des Frühstücks'. Weil er aber", das ist jetzt wieder Wiele, "doch wohl spürt, dass man der gerade aufbrechenden Generation Greta schlecht sagen kann: 'Ihr werdet alle qualvoll verenden, dessen seid gewiss, bevor ihr auch nur irgendwas anfangt!', vollzieht der stolze Pessimist dann doch noch eine überraschende dialektische Wende." Die mutet Jan Wiele allerdings "kafkaesk" an, und er kolportiert sie so: "Es gibt keine Hoffnung mehr, also haben wir welche!"

Jesus darf keinen Esel reiten

Klingt nach Brexit. Kommt auch gleich. Vorher, das passt auch, der tragisch missglückte  Versuch, dem Tierwohl Gutes zu tun und gleichzeitig das womöglich dem schnellen Wiederuntergang geweihte Trendverkehrsmittel E-Tretroller zu retten:

"Jesus Christus wird im nächsten Jahr nicht auf dem E-Tretroller nach Jerusalem einziehen. Gottes Sohn werde wie gewohnt auf einem Esel reiten", vermelden die Oberammergauer Passionsfestspiele, die dpa und der TAGESSPIEGEL. "Die Organisation 'Peta' hatte den Ritt eines erwachsenen Christus-Darstellers auf einem Esel als tierschutzwidrig bezeichnet und als Ersatz einen E-Scooter vorgeschlagen. Man werde prüfen, ob das betreffende Tier tark genug sei, den Jesus die nötige Strecke – ungefähr 30 Meter – zu tragen."

Boris Johnson und die Wahrheit

Um den Brexit ging es am Sonntag fast schon naturgemäß bei "Anne Will" und naturgemäß in der "Sunday Times". Kleiner Tipp: Achten Sie auf Boris Johnsons Lektüre-Gewohnheiten.

Tatjana Kerschbaumer zitiert im TAGESSPIEGEL Rolf-Dieter Krause, einst Leiter des Brüsseler ARD-Studios, "der mit Boris Johnson (früher Korrespondent des Daily Telegraph) zusammengearbeitet (hat)" und meint, "Johnson (habe) in der Vergangenheit nur dann die Wahrheit gesagt, 'wenn er seinen Namen nannte'."

Es ging bei "Anne Will" um einen Plan, "der fachlich diskutiert werde, damit es auf keinen Fall zum ungeordneten Austritt am 31. Oktober komme. In Brüssel und in der deutschen Regierung halten diesen Plan offenbar viele für nicht machbar, oder glauben zumindest: Boris Johnson habe nicht eine Zeile davon gelesen".

Ein lügender Nichtleser? Ein nicht lesender Lügner? Vielleicht lügt er ja sogar, wenn er seinen Namen sagt.

Die Bürde des jüngeren Bruders

Er könnte seinen Bruder meinen, Jo Johnson, zuletzt Minister, der uns über Twitter wissen ließ: "In den letzten Wochen war ich zwischen Loyalität gegenüber der Familie und dem Interesse der Nation hin- und hergerissen. Diese Spannung ist nicht aufzulösen, und es ist Zeit, dass andere meine Rollen als Abgeordneter und Minister übernehmen."

Rumms, das hat natürlich gesessen. Oder wie der "Evening Standard" titelte: "Blow for BoJo as Bro Jo Go Goes" (auf deutsch: Schlag für BoJo, weil Bruder Jo geht)" – alles nachzulesen in der "Sunday Times"-Kolumne des Harvard Professors Niall Fergusson, die die NZZ übersetzt hat. Fergusson verfolgt das Thema Brüder weit zurück, ins 18. Jahrhundert und in die Bibel. Spannend wird es immer in der englischen Gegenwart.

"Es ist nicht leicht, der jüngere Bruder zu sein", schreibt Fergusson, "besonders dann, wenn der ältere Bruder ein Überflieger ist. Es hat jedoch den Vorteil, dass man weiß, welche Leistung man zu überbieten hat. Boris Johnsons Oxford-Karriere verlief in vieler Hinsicht glanzvoll, wenn auch nicht im akademischen Sinn: Er bekam die Note 'gut'. Dem kleinen Bruder Jo wurde ein 'sehr gut' zuteil." Und dann schreibt Fergusson noch: "Es gibt zwei wirklich großartige Romane – beide aus Schottland –, die um die Fehden zwischen Brüdern kreisen: James Hoggs 'The Private Memoirs and Confessions of a Justified Sinner' und Robert Louis Stevensons 'Der Junker von Ballantrae'."

Und Literatur ist schließlich Allgemeingut. Allerdings meint Fergusson: "Jo dürfte sie gelesen haben. Boris wahrscheinlich nicht."

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