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Kulturpresseschau | Beitrag vom 02.09.2020

Aus den FeuilletonsSehnsucht nach dem großen Durcheinanderwerfer

Von Tobias Wenzel

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Ein Porträt des Dichters Botho Strauß (imago / imagebroker)
Botho Strauß hält offenbar nicht viel von den vielen, selbsternannten "Querdenkern" - er setzt auf den echten Umsturz. (imago / imagebroker)

In der "Zeit" kann sich der Leser an einem Vorabdruck des neuen Buchs von Botho Strauß erfreuen. Darin beklagt der Dichter, dass nirgendwo ein Neuerer oder Umstürzler in Sicht sei - dafür gebe es jede Menge "denkfaule 'Querdenker'".

Die Feuilletons vom Donnerstag sind überraschend überraschend. "Nehmen wir an, wir befänden uns im Herbst des Jahres 2023, ein Impfstoff gegen das Virus wäre noch immer nicht gefunden, Deutschland zerfiele in lauter Lockdown-Fürstentümer und Quarantäne-Grafschaften mit jeweils eigenen Abstandsregeln, und es rollte die achte, neunte oder vierzehnte Corona-Welle über uns hinweg. Was für ein Theater fände dann auf unseren Bühnen statt?", fragt Peter Kümmel in der ZEIT.

Seine überraschende Antwort: "Vermutlich wäre es von genau der Art, wie wir es derzeit in Weimar, beim Kunstfest, sehen." Dort war Kümmel nämlich Zeuge eines Monologs, in dem der Schauspieler Benny Claessens "nichts Geringeres als das aus dem Lockdown erwachende Theater selbst" gespielt, sich immer mehr vom Text des Stücks entfernt und sich dann dafür durch einen Live-Anruf bei der Autorin Sibylle Berg gewissermaßen entschuldigt habe.

Bleiben wir in Thüringen. Für Jürgen Habermas markiert, was am 5. Februar im Thüringer Landtag passiert ist, eine Zäsur in der deutschen Parteien-Geschichte, deutet Patrick Bahners in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG einen neuen Aufsatz des Philosophen. "Eine zweite Chance" heißt der Text, in dem Habermas "eine Bilanz von dreißig Jahren Wiedervereinigung und anderthalb Jahrzehnten Merkel-Regierung" ziehe.

Habermas denkt über Merkel und die AfD nach

Am 5. Februar wurde der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen von AfD, CDU und FDP zum thüringischen Ministerpräsidenten gewählt. Bahners erinnert daran, dass Angela Merkel von einem "unverzeihlichem Vorgang" gesprochen habe, "der rückgängig gemacht werden" müsse. "Was hat Frau Merkel mit dieser Äußerung getan?", fragt Bahners und referiert die Antwort, die Jürgen Habermas darauf gibt: "Das Ergebnis von Merkels Machtwort zum Coup von Erfurt war laut Habermas die 'faktisch vollzogene politische Anerkennung einer Partei rechts von der Union'."

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Diese Antwort verblüffe, so Bahners, scheine auf den ersten Blick sogar Merkels Aussage zu widersprechen. "Hat sie nicht der AfD die Anerkennung verweigert, indem sie ein für alle Mal jedes Zusammenwirken von CDU und AfD ausgeschlossen sehen wollte?", fragt Bahners und erläutert die Deutung von Habermas so: "Merkel und Söder vollzogen einen Strategiewechsel, die Abkehr von 'den Zweideutigkeiten der bis dahin verfolgten Strategie der Umarmung' der AfD-Anhängerschaft. Im Interesse ihrer Handlungsfähigkeit, die im parlamentarischen System die Unterscheidbarkeit von eigener und gegnerischer Sache zur Voraussetzung hat, erklärten sie 'den Verzicht auf die opportunistische Eingemeindung eines Wählerpotenzials jenseits der eigenen programmatisch gezogenen Grenzen'."

Ein Schutzgraben - das erste schwarz-grüne Projekt

Apropos "Grenzen": Heiko Werning von der taz kann, wenigstens als satirisches Futter, der folgenden Idee etwas abgewinnen: einen zehn Meter tiefen Schutz-Graben vor dem Reichstagsgebäude auszuheben, der, so Werning, dann "das Volk zuverlässig abtrennt von 'Dem Deutschen Volke'". Damit schlage man die Reichsbürger gewissermaßen mit ihren eigenen Waffen. Und außerdem: "Der Graben ließe sich mit Wasser füllen, wodurch ein schönes renaturiertes Feuchtgebiet entstehen könnte ‒ ein erstes schwarz-grünes Vorzeigeprojekt auf Bundesebene!"

Gegen eine Revolution hätte Botho Strauß wohl nichts, wenn sie denn von klugen Köpfen ausginge. In der ZEIT ist ein Vorabdruck aus seinem neuen Buch "Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern" zu lesen: "Kein Neuerer, kein Umstürzler, nicht einmal ein diabolischer Durcheinanderwerfer in Sicht! Dafür jede Menge denkfaule 'Querdenker'", schreibt Strauß. "Vielleicht liegt es am suggestiven Normendruck einer letztlich engen, introvertierten Öffentlichkeit. Ob sie sich über Gentechnik oder Gendertum auslassen: es sind immer die gleichen Debattiermasken, die da sprechen, kleine konsensitive Gesinnungs-Roboter."

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