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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 06.09.2019

Aus den FeuilletonsSchnell aufs Äußere reduziert

Von Arno Orzessek

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Grid Girls beim Start zum Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring im Juli 2016. (Uli Deck/dpa)
"So wie die Grid Girls in der Formel 1 verschwunden sind, so sind heute auch die Autorinnenfotos der ganz krass inszenatorischen Art passé", schreibt die "Welt". (Uli Deck/dpa)

Die Empörung darüber, dass männliche Kritiker nicht nur Inhalte, sondern oft auch Äußerliches einer Frau auswerten, hat gerade Hochkonjunktur im Feuilleton. Die "Welt" glaubt jedoch, so wie die Grid Girls sind auch sexy Autorinnenfotos bald passé.

"Dürfen männliche Kritiker noch über das Aussehen von Schriftstellerinnen schreiben?" – so fragt die Tageszeitung DIE WELT. Eine glasklare Antwort können wir in dem Artikel von Marc Reichwein nicht finden, dafür aber unterhaltsame Betrachtungen zum männlichen Blick im Literaturbetrieb – etwa diese:

"Die ‚Zeit‘ war es […], die 1998 Joachim Lottmanns Ganzkörperkritik zu Alexa Hennig von Lange abdruckte, die der Schriftsteller – mit instinktsicherem Gespür für seinen Tabubruch – mit den Worten begann: ‚Wie soll man(n) über so ein Mädchen schreiben, als älterer Herr, als Literaturkritiker mit strengen Maßstäben? … Hier hat nämlich nicht der alte Nabokov einen Roman über eine frühreife Verführerin geschrieben, sondern: Lolita hat ihn gleich selbst geschrieben.‘"

Der Literaturbetrieb ist heute weiter

Ein starkes Zitat von Joachim Lottmann in einem Artikel des WELT-Autors Marc Reichwein, der indessen zu bedenken gibt: "Der Literaturbetrieb ist heute weiter als vor 20 Jahren. So wie die Grid Girls in der Formel 1 verschwunden sind […], so sind heute auch gefühlt die Autorinnenfotos der ganz krass inszenatorischen Art passé. Tanja Dückers im geblümten Minirock, Zoë Jenny mit ausgestelltem Dekolleté oder Judith Hermann als mittelalterliche Madonna gibt es nicht mehr. […] Und das ist auch gut so, schließlich wurde die krasse Blickfangstrategie mancher Autorin zum Verhängnis."

Wir bleiben nah am Thema ‚Frauenbilder‘, schlagen aber die TAGESZEITUNG auf. Ausgerechnet in der anti-chauvinistischen TAZ springt den Leser*innen die Medienkritikerin Samira El Ouassil aus einem Foto in einer Pose entgegen, die heterosexuelle Männer am meisten erfreuen dürfte. So betont oberschenkelentblösst und, nun ja, prallbrüstig wie sich El Ouassil dort sichtbar macht. Dürfen männliche Radio-Autoren noch so über das Aussehen von Frauen schreiben, die für die TAZ posen? Nun, eine glasklare Antwort zu finden, das überlassen wir Ihnen.

"Ein Abbild ihrer Texte"

Während El Ouassil sich beim Treffen mit dem TAZ-Autor Alexander Graf selbst als "Cheerleaderin der  Medienwelt" bespöttelt, verliert Graf vorsichtigerweise kein Wort über Äußerlichkeiten – bewundert anderes aber sehr:

"Kann man wirklich derart aus reiner Vernunft bestehen? El Ouassil wirkt wie ein lebendiges Abbild ihrer Texte. Nicht nur, weil sie selbst am Café-Tisch über komplexeste Dinge so gestochen scharf sprechen kann, wie sie auch schreibt. Sondern weil sie ständig in einem Modus der prüfenden Analyse unterwegs zu sein scheint."

So schreibt Alexander Graf über Samira El Ouassil, die übrigens kürzlich in Potsdam einen Vortrag mit den Worten begann: "Mein Name ist Samira El Ouassil. Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig ausgesprochen."

Und wir bleiben bei Frauen von Format. "Rock 'n Roll ist ziemlich durch", behauptet im Gespräch mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG Chrissie Hynde. Jene Sängerin – um persönlich zu werden – die 1986 mit der Band The Pretenders einen der Songs unseres Lebens eingespielt hat: "Hym to her" mitsamt der Zeile "something is lost, but something is found", die angemessen zu übersetzen uns nicht gelingen will.

Der Tod als einzige Herausforderung

Erfreulich finden wir aber allemal, dass Chrissie Hynde mit 68 Jahren ihr Alter richtig klasse findet. "Wenn man 60 wird, muss man sich entscheiden, wie man mal abtreten will. Die meisten Leute, die so alt sind wie ich, wissen, was ich meine. Man hatte Eltern, die alt wurden, Kinder, verheerende Beziehungen, Suchtprobleme, Ärger mit der Karriere, mit Leuten. Jeder hat solche Probleme. Egal, wer du bist. […]  Jeder muss da durch. Aber irgendwann in den Sechzigern hat man das hinter sich. In meinem persönlichen Fall war das eine große Erleichterung, den harten Teil des Lebens hinter mir zu haben. Die einzige Herausforderung, mit der ich mich jetzt noch beschäftigen muss, ist der Tod."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG lobt unterdessen die Sängerin Lana del Rey und deren Album "Norman Fucking Rockwell". Doch zum Zitieren reicht die Zeit nicht mehr. Wir verabschieden uns mit der schlichten FAZ-Überschrift: "Frauen vor!"

Fazit

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