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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 30.08.2015

Aus den FeuilletonsSacks und seine vielfältigen Lebenserfahrungen

Von Ulrike Timm

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Oliver Sacks (Imago/leemage)
Oliver Sacks starb am Sonntag. (Imago/leemage)

Zahlreiche Nachrufe würdigen den am Sonntag verstorbenen Neurologen und Schriftsteller Oliver Sacks. Die "FAZ" bezeichnet ihn als "hingebungsvollen Erzähler nervenärztlicher Merkwürdigkeiten".

"Hin und wieder steigt Mark Zuckerberg von seinem Multimilliarden-Dollart-Olymp hinab und beantwortet die Fragen der Sterblichen. Auf die Zukunft von Facebook angesprochen, schrieb er in der jüngsten Frage- und Antwortstunde, er sei überzeugt, dass die Menschen 'sich eines Tages ihre Gedanken zusenden könnten. Man denkt an eine Sache, und die Freunde können sofort die gleiche Erfahrung erleben'. Facebook möchte die Telepathie erfinden."

Die WELT stellt der Drohung eine nüchterne Studie amerikanischer Forscher entgegen:

"Zwar hätten Computer in den letzten Jahren enorme Fortschritte beim Sprachverständnis gemacht. Sie seien aber noch immer ziemlich schlecht darin, die Welt zu verstehen." Das beruhigt doch irgendwie.

Oliver Sacks hätte ob einer solchen Meldung vielleicht mit den Achseln gezuckt – der Mann, der uns die Wissenschaft mit Literatur verwechseln ließ, ist gestorben, mit 82 Jahren. Zahlreiche Nachrufe erinnern an den

"hingebungsvollen Erzähler nervenärztlicher Merkwürdigkeiten."

So nennt ihn die FAZ. Der Neurologe wurde erst jenseits der 50 zum Erfolgsschriftsteller, da erschien Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG erinnert an die wirklich vielfältigen eigenen Lebenserfahrungen von Oliver Sacks:

"Welcher Arzt könnte sich in seiner Bewerbungsmappe etlicher Titel im Gewichtheben rühmen und der Erfahrungen, die er bei der Einnahme von LSD und halluzinogenen Drogen gemacht hatte? Ganz zu schweigen von den Schrammen, die er sich beim Herumackern mit den Motorradbrüdern der Hells Angels zugezogen hatte."

Dankbar für alle Erfahrungen

All das zeichnete zwar die frühen Jahre des Oliver Sacks aus, später lebten seine Arbeit und seine Bücher im Dienst der Wissenschaft wie der Kunst auch von dem Charme, dass der berühmte Arzt selber ein Patient war. Krankhaft schüchtern, und wegen seiner eigenen Unfähigkeit, Gesichter wieder zu erkennen, alle Kongresse, Partys und große Menschenansammlungen meidend. Seinen nahen Krebstod hat Sacks schon vor einigen Monaten publik gemacht, jetzt ist er ihn gestorben, offenbar dankbar für alle Erfahrungen und ganz mit sich im Reinen.

An der Seite der Nachrufe auf Oliver Sacks prägen gleich zwei Musikergeburtstage die Feuilletonseiten, "der große Gnatz" Van Morrison und der große Geiger Itzhak Perlman, beide werden sie 70, zahlreich sind die Gratulationen, ein ganzer Chor.

"Man wird mit der Zeit festgestellt haben, dass die Stimme eine dunklere Färbung angenommen hat, mürber geworden ist und zuweilen ins Grunzen verfällt",

das gilt glücklicherweise nicht dem Geiger, so gratuliert Eedo Reents dem "größten lebenden weißen Bluessänger" in der FAZ. Und während Van Morrison kongenial die eigene Miesepetrigkeit zum Kult machte, lebt Perlmans Geigenkunst vom Glücksgefühl, genau das zu tun, was ihm und anderen Glück beschert. Vielleicht sind deshalb die Elogen zu seinem 70. noch einen Tick ausführlicher...

Dass "nicht Musik frei macht, sondern nur der Freie Musik machen kann", mit diesem Satz des Dirigenten Sergiu Celibidache charakterisiert Harald Eggebrecht in der SÜDDEUTSCHEN Perlman und seinen unverwechselbar sonor-warmen Geigenton – wobei sich Itzhak Perlman ein freies Lebensgefühl ja auch erkämpfen musste.

Nach einer Polioerkrankung im Kleinkindalter kann er sich nur schwer auf Krücken bewegen, spielt im Sitzen, und nimmt doch bei jedem seiner humpelnd-schwerfälligen Auftritte seit Jahrzehnten dem Publikum jede Befangenheit: kaum ein Künstler vermittelt so eine unbändige Lebensfreude bei dem, was er tut, kaum jemand strahlt so, wenn etwas verteufelt Schwieriges geklappt hat, kaum jemand lässt andere so teilhaben an "seinem" Klang wie eben Itzhak Perlman.

In der WELT verfällt Manuel Brug für die Charakteristik seines sehr speziellen Tones in die Konditorensprache,

"butterzarte Stradivari-Töne, cremig-süß, saftig-flockig, marmeladengefüllt".

Pardon, aber das hat der Musiker Perlman nicht verdient, so rhetorisch vernascht zu werden... dann lieber so wie im TAGESSPIEGEL, der sich mit dem weiten Spektrum seines Repertoires befasst:

"Wer Steven Spielbergs Film 'Schindlers Liste' sieht, dem bleibt natürlich der rote Mantel im Gedächtnis, den das Mädchen im Krakauer Ghetto trägt. Aber was sich ebenfalls einprägt und für unvergleichbare Tiefe sorgt, ist die Musik, genauer: das drängende Violinsolo, mit vollem Vibrato und warmem Ton gespielt von Itzhak Perlman. John Williams hat es ihm auf den Leib geschrieben. Töne, die damals, 1993, dem schweren Erbe des Holocaust eine Melodie voll Hoffnung entgegensetzten."

Beiden, Van Morrison und Itzhak Perlman einen herzlichen Glückwunsch. Und Konditorware am Ehrentag bitte nur genüsslich in den Mund....

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