Mittwoch, 20.11.2019
 

Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 25.01.2018

Aus den FeuilletonsPräsident mit Hingabe gesucht

Von Gregor Sander

Podcast abonnieren
Das Bild zeigt das Logo der Berlinale, einen roten Berliner Bären, hier im Jahr 2016. (picture-alliance / dpa / Ralf Hirschberger)
Das Vorgehen zur Suche eines neuen Leiters für die Berlinale ist unter Filmschaffenden umstritten. (picture-alliance / dpa / Ralf Hirschberger)

Wie die Berlinale einen neuen künstlerischen Leiter finden kann, beschäftigt nicht nur Kulturstaatsministerin Monika Grütters, sondern auch das Feuilleton der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Und DIE WELT wundert sich, was der Europäische Gerichtshof gegen Filmtitel einzuwenden hat.

Monika Grütters nimmt kein Blatt vor den Mund:

"Deshalb lohnt es sich", schreibt sie in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG "die Spannungen auszuhalten zwischen der Freiheit der Kunst und verletzten Gefühlen. Wenn ein Kunstwerk dabei Diskussionen provoziert, umso besser!"

Mit dieser Äußerung bezieht die Kulturstaatsministerin Stellung gegen das angekündigte Übermalen eines Gedichtes von Eugen Gommringer auf der Fassade der Berliner "Alice Salomon Hochschule".

Berlinale ohne internationale Findungskommission

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG wünscht sich diese Klarheit Grütters auch für die Neustrukturierung der Berlinale. In der nächsten Woche hat sie, als Aufsichtsratsvorsitzende der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB), Experten zur Beratung eingeladen, um die Nachfolge von Dieter Kosslick zu klären. Aber so beklagt Tobias Kniebe:

"Grütters betreibt diese Suche zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern des KBB-Aufsichtsrats – trotz aller Forderungen nach der Einsetzung einer internationalen Findungskommission. Auf wen auch immer am Ende die Wahl fällt – das Verfahren ist eine Ohrfeige für die fast 80 deutschen Filmemacher, die genau das in einem offenen Brief im Dezember gefordert hatten."

Dass die Feuilletons die Neubesetzung der Berlinaleleitung kämpferisch begleiten werden, wird klar, wenn Kniebe noch einmal auf den 2019 abtretenden Berlinalechef zu sprechen kommt:

"Was jedoch all die Jahre fehlte, war eine cinephile Führungspersönlichkeit. Kosslick ist vieles, aber kein besessener Kinogänger – im Zweifelsfall hat er eher darauf vertraut, sein Nichtwissen mit seinem Hang zur sinnfreien Dampfplauderei zu überspielen."

Präsident mit Hingabe gesucht

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hat sich als Experten Gilles Jacob, Ex-Chef der Festspiele von Cannes, eingeladen. Der im Interview dann auch erwartbar zu Protokoll gibt:

"Ideal wäre ein Dreiergespann: ein Präsident, ein künstlerischer Leiter und ein Generalsekretär, der für Verwaltung und Finanzen zuständig ist."

Interessanter ist da schon, wie Jacob den künftigen künstlerischen Leiter beschreibt:

"Eine solche Person braucht kompetente, loyale Mitarbeiter, die selbst wenig Ehrgeiz haben, ihm Zeit sparen und helfen, Fallen aus dem Weg zu gehen. Die Eigenschaften, die so jemand selbst braucht: Arbeitseifer, Sinn für Fairness, Kaltblütigkeit, völlige, selbstvergessene Hingabe für seine Aufgabe."

Wer entscheidet was anstössig ist?

Um den Film sorgt sich auch die Tageszeitung DIE WELT. Allerdings nur um einen Filmtitel. Überschrieben wird das mit:

"Dich FICKT’S wohl wie Mörike, EU!"

Hintergrund ist die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg, dem Titel: "Fack ju Göhte" den Markenschutz zu verweigern, weil das Wörtchen "fuck", als anstößig empfunden wird. Was wiederum Matthias Heine erregt:

"Wer legt überhaupt fest, was in einer Gesellschaft obszön ist? Erzkatholische Omas und die Scharia-Polizei oder Berlin- Mitte-Hipster mit Pornobalken unter der Nase und Lady Bitch Ray?"

Ganz offensichtlich legt das der Europäische Gerichtshof fest, und da hilft es wohl auch nichts, dass DIE WELT dem Filmteam um Elyas M’Barek zur Verteidigung ihrer Goetheverballhornung einen anderen deutschen Dichter zur Seite stellt:

"Das 'Deutsche Wörterbuch' von Hermann Paul zitiert Eduard Mörike mit dem schönen Satz: 'Mich kränkt es, mich fickt’s' (etwa so, wie man heute sagen würde: 'Das juckt mich')."

Auch Kamele werden gedopt

Dass das Aussehen eines Kamels irgendjemanden jucken könnte, wer hätte das gedacht. Doch Melanie Mühl von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG berichtet Erstaunliches vom jährlich in Saudi-Arabien stattfindenden König-Abduaziz-Kamel-Festival, auf dem der mit vielen Millionen Dollar dotierten Titel "Miss Kamel" verliehen wird.

Die Wettkampfrichter in Al Dhana disqualifizierten zwölf Kamele, deren Besitzer sie unzulässig und mit fragwürdigen Mitteln aufgehübscht hatten. Die Rede ist unter anderem von Botox.

Auch die Lippen der Tiere würden manipuliert und dazu fällt einem nun wirklich gar nichts mehr ein. Wobei man schon gern wüsste, wie genau die Kampfrichter das eigentlich herausbekommen haben?

Mehr zum Thema

Aus den Feuilletons - Soziale Folklore in der Globalisierung
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 24.01.2018)

Aus den Feuilletons - Von Flüchtlingen, Träumen und einem "Baby-Hitler"
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 23.01.2018)

Aus den Feuilletons - Brauchtumspflege mit Tastatur und Füllfederhalter
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 22.01.2018)

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur