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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 26.09.2019

Aus den FeuilletonsPolitik aus der Kakerlaken-Perspektive

Von Hans von Trotha

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Zwei Kakerlaken liegen tot auf einer weißen Fläche (imago images / Reinhard Kurzendörfer)
Als die Kakerlake eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich zum Premierminister verwandelt. (imago images / Reinhard Kurzendörfer)

Die "FAZ" berichtet über die Novelle von Ian McEwan. In Umkehrung der Perspektive von Kafkas Gregor Samsa erwacht dort eine Küchenschabe eines Morgens als menschlicher Premierminister. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Kakerlaken seien zufällig, so McEwan.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Im Ringen um eine neue Debattenkultur ist das wohl der meistgedachte und meistwidersprochene Satz. Gleich drei Beiträge in einem Feuilleton, dem der Süddeutschen, widmen sich dieser Frage. Einer eruiert, "wie über den Fall Metzelder berichtet werden darf", also über einen Verdacht der Verbreitung kinderpornografischer Schriften. "Weil die soziale und berufliche Existenz in Gefahr ist", heißt es, "gelten wohl strenge Anforderungen." Hoffentlich, kann man da nur sagen, solange es sich um einen Verdacht handelt.

An anderer Stelle berichtet Thorsten Schmitz, das Online-Magazin "Queer.de", das sich selbst als "Zentralorgan der Homo-Lobby" bezeichnet, werde "seit einiger Zeit mit juristischen Klagen überhäuft" – was existenzbedrohlich teuer werden kann.

Die schwierigsten Fragen der Demokratie

Allgemein stellen Georg Mascolo und Ronen Steinke die Frage als Fragenbündel: "Was man noch sagen darf. Und was man noch nie sagen durfte: Wo verläuft die Grenze zwischen Hass und Meinungsfreiheit? Und wer soll entscheiden, was bestraft wird? Wo verläuft die Linie zwischen erlaubter Debatte und jenen Worten, aus denen allzu schnell Taten werden können? Die Antwort darauf", so die beiden Autoren, "gehört zu den schwierigsten Fragen in jeder Demokratie." Und: "Zu den alten Fragen sind neue hinzugekommen."

Und sie geben ein erschütterndes Beispiel: "In Hessen haben Polizisten in einer geschlossenen Chatgruppe gehetzt, 'Umso größer der Jude, desto wärmer die Bude' hieß es zu einem Foto Adolf Hitlers vor dem Kamin. Die Staatsanwälte haben alles rekonstruiert, auch die Namen der Hetzer. Aber Volksverhetzung setzt voraus, dass jemand sich 'öffentlich' äußert."

Was genau dies im Internet-Zeitalter bedeutet, werden Gerichte erst noch klären müssen. "Die alte Frage", so Mascolo und Steinke, "was gesagt werden darf und gesagt werden muss – und was aber auch nicht – wird neu vermessen."

Wie viel Provokation ist zulässig?

Und das trifft unsere Lebenswelt ins Mark. In der taz wird die Frage auf die Kunst übertragen. Petra Schellen berichtet von einer Diskussion auf Kampnagel über "Die neuen Tabus einer sich wandelnden Gesellschaft". "Kunst soll provozieren", heißt es da, "darf auch mal verletzten: Das ist Konsens. Uneins ist die Welt bezüglich der Frage, wie viel Provokation zulässig ist in einer Gesellschaft, in der jede Interessengruppe so ein Geschrei veranstalten kann, dass Museumsleute erschreckt Bilder abhängen." - "'Selbstzensur', so Gastgeberin Amelie Deuflhard, 'ist die schlechteste Möglichkeit.'"

Die Geisteswissenschaften sind gefordert. Und damit auch die Feuilletons. Es geht um Bilder und um Sprache. Das ZDF hat jüngst zu einem Verfahren gegriffen, das Patrick Bahners in der FAZ "Enthüllung durch Textabgleich" nennt. Gemeint ist die Parallelisierung von Phrasen aus Hitlers "Mein Kampf" mit Phrasen von Björn Höcke.

"Die Hoffnung, mit einer Wortfeldanalyse spezifische nationalsozialistische Gehalte nachzuweisen, verkennt und unterschätzt die Wesensart der nationalsozialistischen Weltanschauung", meint Bahners, und: "Ein Antifaschismus, dessen Wehrbeitrag zur Demokratie sich in schwarzen Wörterlisten erschöpft, beschränkt den demokratischen Streit, statt ihn zu führen."

Literarische Geschütze gegen Populismus

Während in Deutschland also versucht wird, vorsichtig zu sein, ohne Selbstzensur zu üben und den Populisten philologisch beizukommen, wird in England ganz großes literarisches Geschütz gegen den Populismus aufgefahren, wie Gina Thomas in der FAZ berichtet: Ian McEwan hat eine Novelle geschrieben, "The Cockroach", ab November als "Die Kakerlake" auch auf Deutsch zu haben.

"In Umkehrung von Kafkas Gregor Samsa erwacht darin die im Palast von Westminster beheimatete, aus Kakerlakenperspektive mit den Spielregeln der Politik bestens vertraute Küchenschabe eines Morgens in menschlicher Form in Downing Street."

Jim Sams heißt der neue Premierminister und stellt alles auf den Kopf. "Wer sein Land und sein Volk liebe, müsse die bestehende Ordnung auf den Kopf stellen getrieben von einem Ziel, 'das die bloße Vernunft übersteigt, um sich eine mystische Vorstellung der Nation zueigen zu machen'".

"Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Kakerlaken, lebend oder tot, sei 'gänzlich zufällig', hebt McEwan hervor." Die geschwungenen Reden ähneln dem, was wir so lesen und hören, allerdings auf beängstigende Weise. Was davon geht, was nicht – das muss am Ende jeder für sich selbst beantworten. Und verteidigen.

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