Aus den Feuilletons

Patriotismus für die ganze Menschheit

Pro-russische Aktivisten mit Fahnen rufen Parolen während einer Demonstration in Sebastopol auf der ukrainischen Halbinsel Krim.
"Der Nationalismus wird niemals zum Hauptweg der russischen Seele werden", ist Jewgeni Jewtuschenko überzeugt. © dpa picture alliance / Zurab Kurtsikidze
Von Adelheid Wedel · 04.06.2014
Der russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko wettert in der FAZ gegen überzogenen Nationalismus und erweist sich als wahrer Internationalist. Die "Süddeutsche" nimmt Ungarns Medien unter die Lupe, die sich gegen ein neues Gesetz wehren.
"Eine der wichtigsten Debatten der Gegenwart hat große Fortschritte zu verzeichnen",schreibt Dirk Pilz in der BERLINER ZEITUNG. Gemeint ist die Debatte um Religion und Gewalt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die Sätze:
"Religionen befördern Gewalt. Religionen stiften Frieden. Beide Sätze sind wahr",so Pilz, und er sagt gleichzeitig: "Beide Sätze sind falsch".
Damit nimmt er eine Diskussion unter Philosophen auf, die jetzt von Rolf Schieder in dem Buch "Die Gewalt des einen Gottes" dokumentiert wird. Feststeht:
"Das Problem religiös motivierter Gewalt ist hochaktuell."
Nötig ist es, "nach den Ursprüngen dieser Zusammenhänge zu fragen, getragen von der fragilen Hoffnung"– so formuliert Pilz seine Wünsche, "dass mit den Erkenntnissen auch die friedensfördernden Kräfte wachsen."
Die Buchrezension in der Berliner Zeitung macht die unterschiedlichen Standpunkte von Jan Assmann, Peter Sloterdijk sowie Micha Brumlik, Rolf Schieder und anderen deutlich. Auch die Meinungsverschiedenheiten zum Thema, meint der Autor, waren bei dieser Debatte zielfördernd, denn "erst wenn man weiß, wie und warum Religionen Gewalt befördern, lässt sie sich eindämmen und können die Religionen ihr Friedenspotenzial entfalten."
Appell an die Jugend
Mit einem Appell an die Jugend seines Landes meldet sich der inzwischen 82-jährige Jewgeni Jewtuschenko zu Wort. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG druckt den Text, der aus Erinnerung an schwere Zeiten Ratschläge für die Gegenwart ableitet. Der Kindergarten seiner Generation war der Krieg, sagt der 1932 geborene russische Schriftsteller, der in den 1960er- und 1970er-Jahren mit seiner Poesie Menschenmengen begeisterte und in die Stadien lockte.
"Wir fühlen uns als Kriegsveteranen. Wir waren Kinder des Kalten Krieges, aber davor haben wir auch den heißen Krieg gesehen, wir wussten, wie furchtbar er ist. Wir waren leidenschaftlich verliebt in die Begegnung an der Elbe. Wir glaubten fest, dass es möglich ist, mit den Amerikanern eine gemeinsame Sprache zu finden. Ich glaube bis heute daran",bekennt der Dichter."Man darf nicht zulassen, dass sich der Nationalismus ausbreitet", empfiehlt Jewtuschenko und ergänzt:
"Zumal in Russland, dem Land, das die Welt von den faschistischen Konzentrationslagern befreit hat, sich bei der Befreiung seiner Mitbürger aber sehr verspätet."
Jewtuschenko betont:
"In uns bestand niemals ein Widerspruch zwischen dem Patriotismus für die Heimat und dem Patriotismus für die ganze Menschheit."
Daraus erwächst seine Überzeugung:
"Der Nationalismus wird niemals zum Hauptweg der russischen Seele werden."
Ungarns Medien protestieren
"Was ist in Ungarn los?", fragt Cathrin Kahlweit in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Sie berichtet:
"Ungarns Medien wehren sich gegen die Politik. An diesem Freitag erscheinen Zeitungen mit leerem Frontblatt", ein Wirtschaftsblatt schwärzt eine ganze Seite, kommerzielle Sender wollen an diesem Donnerstag eine 15-minütige Sendepause einlegen, aus Protest gegen eine neue Verordnung für die Medien.
"Auf die Umsätze aus Werbeeinnahmen soll eine happige Steuer eingeführt werden."
Diese Maßnahme richtet sich vor allem "gegen kleine unabhängige Medien, die nicht mit staatlichen Aufträgen alimentiert werden. Sie müssten angesichts der neuen Abgabe um ihre Existenz fürchten".In Kommentaren heißt es, Regierungschef Órban sei an einer weiteren Marktbereinigung interessiert. Tamás Bodoky von Atlatszo, einem ungarischen Forum investigativer Journalisten nennt den Vorstoß "einen gut organisierten Angriff auf das, was von der Pressefreiheit in Ungarn noch übrig ist".
Gefangener der Poesie
Der TAGESSPIEGEL stimmt auf das Poesiefestival Berlin vom 5. bis zum 13 Juni ein. Es wird mit einer "Weltklang"-Nacht in der Akademie der Künste eröffnet, an der auch der südkoreanische Dichter Ko Un teilnimmt. Anfang der siebziger Jahre wurde er zu einer führenden Stimme der Demokratiebewegung in seinem Land, mehrmalige Verhaftung und Folter durch den Geheimdienst waren die Folge. Von ihm stammt die Aussage:
"Ich bin ein ewiger Gefangener meiner Poesie. Aber ich brauche keine Begnadigung."