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Kulturpresseschau | Beitrag vom 28.02.2019

Aus den FeuilletonsNicht alles kann man googeln

Von Tobias Wenzel

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Die Google-Webseite auf einem Tablet-Computer. (dpa-Bildfunk / Lukas Schulze)
Google - eine Suchmaschine, die alles findet, alles weiß? (dpa-Bildfunk / Lukas Schulze)

Google weiß vermeintlich alles. Doch was, wenn die Suchmaschine auch keine Antwort kennt? Das kann den ein oder anderen nervös machen. „Die Nichtgooglebarkeit ist zur Pathologie der digitalen Gesellschaft geworden", schreibt die "SZ".

"Ungoogleability" – darum geht es Adrian Lobe in seinem Artikel für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, "was auf Deutsch so viel heißt wie Ungooglebarkeit und sich metaphysisch wie Unendlichkeit oder Nichtexistenz anhört."

Jetzt mögen Sie, liebe Hörer, denken: Wie beruhigend, dass gewisse Informationen nicht von Google oder einer anderen Suchmaschine erfasst worden sind! Allerdings macht Lobe in seinem Artikel deutlich, dass die Tatsache, dass es auch blinde Flecken im Netz gibt, viele Menschen richtig nervös macht.

Wissenslücken wie Phantomschmerz

"Die Suchmaschine hat die Nutzer so konditioniert, dass Wissenslücken in der Gehirnprothese als Phantomschmerz empfunden werden – als eine Art virtuelle Amnesie, eine Störung des kollektiven Gedächtnisses, die sich nur durch Eingriffe in den Programmcode heilen lässt", schreibt Lobe. "Die Nichtgooglebarkeit ist zur Pathologie der digitalen Gesellschaft geworden. Ein Phänomen, zu dem auch Google keinen Rat weiß."

Architektur und ADHS zusammenbringen

Die Begriffe "Architektur" und "ADHS" lassen sich natürlich googeln. Aber Marc Jordi könnte der erste Mensch sein, der sie zusammendenkt. "Architektur mit ADHS" hat er seinen Artikel für die WELT genannt. Jordi ist selbst Architekt und hat in mehreren Städten Europas nicht nur langweilige neue Architektur beobachtet, sondern auch einen Hyperindividualismus: "Balkone, vor-, zurück-, hin- und herspringend, Baukörper mit Syndromen, als stünden sie vor einer längst fälligen ADHS-Therapie, sollen für den individuellen Ausdruck jedes Bewohners stehen."

Fensterrecht von Friedensreich Hundertwasser

Solch eine "verhaltensauffällige Architektur", die man in Berlin-Prenzlauer Berg und noch verstärkter in Wien-Aspern oder Köln-Ehrenfeld beobachten könne, schmerzt Jordi. Auch, weil die vermeintliche Mitsprache der Bewohner eher eine "Scheinpartizipation" sei. Wie wirkliche Partizipation funktionieren könne, habe Friedensreich Hundertwasser in den 80er-Jahren gezeigt. Von ihm stamme das so genannte "Fensterrecht", verrät Jordi:

"Dieses Recht erlaubt jedem Bewohner, im erreichbaren Radius sein Fenster individuell zu gestalten, auch die vorgefundene Gestaltung von Hundertwasser zu verändern und vor allem, was unter zeitgenössischen Architekten heutzutage unmöglich beziehungsweise, um in der Sprache zu bleiben, ein absolutes No-Go wäre, dieses auch noch zu schmücken."

Erinnerung an Wang Yi

Das "Fensterrecht" muss für Wang Yi wie das Luxusrecht aus einer fernen Welt klingen. Denn der Schriftsteller und Priester, der eine christliche Untergrundkirche in China gegründet hat, ist am 9. Dezember 2018 zusammen mit seiner Frau und über 100 Gläubigen von der chinesischen Polizei verschleppt und seiner Rechte beraubt worden. Daran erinnert nun Liao Yiwu in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Jedes Jahr am 4. Juni habe Wang Yi einen Gedenkgottesdienst für die Opfer des Tianmen-Massakers abgehalten. Liao Yiwu zitiert ihn mit den Worten:

"Viele Leute fragen mich, warum ich wegen 1989 bete, das sei doch eine politische Sache. Ich sage: Ich sehe da keine Politik, ich sehe getötete Menschen. In einer politisierten Gesellschaft wird schon das Festhalten an der Freiheit des Gewissens als politische Handlung gesehen."

"So mutig wie Bonhoeffer"

Für Liao Yiwu ist Wang Yi so mutig wie Dietrich Bonhoeffer während der Nazi-Zeit. Das erscheint plausibel, wenn Liao Yiwu den chinesischen Hauskirchenprediger so zitiert: "Wenn du dem Herrn im Himmel gehorchst, kannst du dem Diktator auf Erden nicht folgen." Liao Yiwu spricht von einem "Gehirnwäschekrieg" in China und fordert die Freilassung von Wang Yi und dessen Frau aus dem Gefängnis und internationalen Druck:

"Ich appelliere an alle Politiker im Westen, an alle Dichter, Schriftsteller und China-Experten, an alle, die sich mit Menschenrechten beschäftigen, und an alle einfachen Bürger, Widerstand auszuüben gegen die Gehirnwäsche und den Krieg, der die Seele angreift."

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