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Kulturpresseschau | Beitrag vom 14.01.2019

Aus den FeuilletonsMuss die Wahrheit aufgesext werden?

Von Hans von Trotha

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Ein Puzzle in dem ein Stück fehlt. Das Stück ist die Wahrheit. Fehlendes Puzzleteil Wahrheit missing Part puzzle Truth (imago / Christian Ohde)
Das fehlende Puzzleteil: die Wahrheit. (imago / Christian Ohde)

Die "SZ" stellt angesichts des übermäßigen Gebrauchs des Wortes "wirklich" im Journalismus eine "aufkommende Sehnsucht nach Wirklichkeits- oder Faktizitätssteigerung" fest, während die "taz" fragt, ob nicht auch Gerüchte eine Wirklichkeit besitzen.

"Es war einmal". So haben früher Geschichten angefangen, von denen alle wussten, dass sie nicht wirklich passiert sind. In der Süddeutschen lesen wir nun: "Es war einmal eine Zeit, in der die Menschen ihre tiefsten und düstersten Geheimnisse an einem Ort namens 'Cloud' speicherten." Wirklich? - Also im Sinne von: echt jetzt? Ich dachte immer, wer kann, meidet die Cloud, um seine Daten und sein Seelenheil zu retten.

"Bis die Cloud", so geht es weiter im Text, "eines Tages platzte." Es handelt sich dabei gar nicht wirklich um die Geschichte, die erzählt werden soll, sondern um ein Zitat aus der 2013 erschienenen Graphic Novel "The Private Eye". Darin, erläutert Katharina Nocun, ihres Zeichens Netzaktivistin, "skizzieren die Autoren eine Welt nach der größten denkbaren digitalen Katastrophe. Ohne Erklärung", erklärt Nocun, "ergießt sich mitten in der Blütezeit der Digitalisierung plötzlich eine Flut vertraulicher Daten über die Welt."

Über das schlunzige Minderwissen

Nun ja. Manchmal ist die Wirklichkeit in der Literatur eben früher dran als die wirkliche Wirklichkeit. Da kommt man jetzt nicht um Alex Rühles "Phrasenmäher" in derselben Süddeutschen herum. Da geht es um das Wort "wirklich": "Drei Überschriften aus den vergangenen Tagen" zitiert Rühle: "'Was wir wirklich wissen über das Artensterben', 'Kampf gegen den Borkenkäfer: Was wirklich hilft' und 'Wie extrem ist der Winter wirklich?'".

"Unabhängig von den Hintergründen der jeweiligen Texte", meint der Autor, "scheint im Journalismus eine Sehnsucht nach Wirklichkeits- oder Faktizitätssteigerung aufzukommen: 'Wirklich' wäre demnach eine Art Komparativ 2.0. Schließlich", so Rühle, "wussten wir ja auch bisher schon dies und das über das Artensterben. Anscheinend war das aber alles eher so ein schlunziges Minderwissen." Und Rühle fragt: "Muss die Wahrheit 'wirklich' solcherart aufgesext werden?"

Das Feuilleton als Ressort für kulturelle Krankheiten

Zwischen "schlunzigem Minderwissen" und "'wirklich' aufgesexter Wahrheit" fragt man sich, ob Jan Küveler womöglich Recht hat, wenn er in der Welt feststellt: "Das Feuilleton ist das Ressort für kulturelle Krankheiten, von denen man noch gar nicht wusste, dass man sie hatte." Dabei knöpft sich Küveler, was eher selten ist, Feuilleton-Kollegen vor, und zwar von der FAZ, namentlich Simon Strauss (Zitat: Er hat "das Stethoskop an die Brust der Gegenwart gesetzt, angestrengt gelauscht und schließlich eine niederschmetternde Diagnose gestellt".– Zitatende) und Dietmar Dath, Zitat: "eigentlich Experte für Verstiegenes".

Nun besetzt das Wort "eigentlich" ja eigentlich, also in Wirklichkeit, den gleichen Platz wie das Wort "wirklich". Und "wirklich" ist etwas anderes als "Wahrheit". Darauf will Carsten Otte in seiner taz-Rezension von Takis Würgers Roman "Stella" hinaus, zu dem Christiane Peitz im Tagesspiegel anmerkt: "die Rezensionen fallen nicht nur kontrovers aus (positiv: "Welt", "Tagesspiegel", negativ: "Süddeutsche", "FAZ", "Zeit"-online), sondern auch derart harsch, dass man sich an den Furor eines Marcel Reich-Ranicki erinnert fühlt."

Jetzt also Carsten Otte, der in der taz aus dem Roman den Satz zitiert: "Jemand musste die Gerüchte von der Wirklichkeit trennen." – "Man muss", findet Otte, "nicht besonders pingelig sein, um die Frage zu stellen, ob Gerüchte nicht eben auch eine 'Wirklichkeit' besitzen", es spiele aber, so Otte weiter, "vielleicht auch nur eine marginale Rolle, ob nun doch die 'Wahrheit' und nicht die 'Wirklichkeit' gemeint ist."

Ein Museum auf den Spuren der "realen Virtualität"

Wer jetzt schon verwirrt ist, sollte beim folgenden Zitat weghören. Maria Brosowsky erzählt nämlich in der taz von einer Ausstellung am Kunstmuseum Wolfsburg mit dem Titel "spiritual * digital", die, so Brosowsky, den "quasi-religiösen Aspekten einer" - und jetzt passen Sie auf: "realen Virtualität" nachgeht. Der Begriff stammt von Bazon Brock. Sprengt alles, was wir uns gerade mühsam unter "wirklich" vorzustellen bemüht haben, quasi von innen. Da platzt nicht nur die Cloud, da platzt die Wirklichkeit.

"Der Streit um die Wahrheit von Geschriebenem in Zeiten einer sich immer schneller drehenden Medienwelt muss unbedingt weitergeführt werden. Nur Hysterie ist nicht hilfreich", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Da hat sie Recht. Und zwar wirklich.

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