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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.09.2020

Aus den FeuilletonsMulan ist wieder da

Von Arno Orzessek

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Reitende Kämpfer: Szene aus dem Disney-Film "Mulan". (picture alliance / Everett Collection)
Szene aus "Mulan": der Disney-Film, den Peking wollte, meint die "Welt". (picture alliance / Everett Collection)

Die Kulturkritiker sind sich nicht einig: Ist die neue "Mulan"-Verfilmung nun feministisch und in der moralischen Aussage gelungen oder "chinesische Propaganda"? Die NZZ nimmt den Film als Beleg für "Innovationsmüdigkeit" im Disney-Universum.

Frage mal: Haben Sie den Eindruck, es gehe Ihnen eigentlich viel zu gut – gerade im Vergleich zu anderen? Nun, in der TAGESZEITUNG erfahren Sie, wie sich das gründlich ändern lässt. Im Rahmen der taz-Reihe "Zurück zu den Grundlagen" erklärt Simon Sales Prado den korrekten Umgang mit Privilegien – und verlangt zunächst nach Denkarbeit.

Auch mal verzichten tut gut

"Wer eigene Privilegien nicht reflektiert, ist nicht einfach neutral, sondern ruht sich auf Kosten derjenigen aus, die am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums stehen – und trägt so aktiv zu Ungleichheiten bei. Zwar sind Personen nicht individuell für historisch gewachsene Privilegien verantwortlich, doch sie tragen Verantwortung, gewissenhaft mit eigenen Privilegien umzugehen, sie zu reflektieren und umzuverteilen."

Aufs Umverteilen legt die taz besonderen Wert, wie schon die Überschrift verrät: "Nicht nur zugreifen, sondern auch mal verzichten."

Interviewpartner nicht im Bilde

Sich Zugriff auf den Reichstag verschaffen, das wollten am vergangenen Wochenende "Reichsbürger, Anthroposophen, Neonazis und Corona-Leugner", wie die Tageszeitung DIE WELT aufzählt. Und die Frage anschließt: "Wie erklärt man diesen wilden Mix?"

Um kompetente Antworten zu erhalten, hat Jan Küveler den Historiker Mark Sedgwick in Aarhus angerufen. Und nun steht in der WELT ein höchst merkwürdiges Interview. Denn Sedgwick ist thematisch so gut wie überhaupt nicht im Bilde, weshalb Küveler kaum weniger redet, erklärt und referiert als sein Gesprächspartner.

Trotzdem kommen die beiden nur von Höcksken auf Stöcksken. Und als Küveler wissen will: "Was tut sich denn so in letzter Zeit in traditionalistischen Zirkeln?", entgegnet Sedgwick: "Ich habe ehrlich gesagt nicht sehr aufgepasst."

Remake eines "Emanzipationsklassikers"

Na gut, kann jedem passieren. Wir selbst zum Beispiel haben offenbar 1998 nicht sehr aufgepasst, als der Disney-Zeichentrickfilm "Mulan" in die Kinos kam. Denn nun erfahren wir aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG anlässlich der Neuverfilmung – wiederum von Disney, aber als Realfilm –, dass es sich bei "Mulan" nachgerade um einen "Emanzipationsklassiker" handelt.

Laut Kathleen Hildebrand soll die Neuverfilmung das westliche Hollywood-Publikum genauso begeistern wie China, als größten Kinomarkt der Welt – aber Achtung!

"Im Erzählen chinesischer Geschichten liegt natürlich ein gewaltiges Potenzial, aber auch ein Risiko. Als Disney den Trailer veröffentlichte, gab es Häme in China: Die Rundbauten, in denen Mulans Dorfgemeinschaft wohnt, sind typisch für den Süden Chinas, statt für den Norden, wo Mulan der Legende nach herkam – und sie entstanden rund tausend Jahre nach Mulans Zeit."

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Verglichen mit dem alten "Mulan"-Film attestiert die SZ-Autorin Hildebrand dem aktuellen übrigens "mehr Feminismus, weniger Humor".

Maria Wiesner, Autorin der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, zieht zum Vergleich die chinesische "Mulan"-Realverfilmung von 2009 heran:

"Wo die Disney-Version hauptsächlich die Schwierigkeiten herausarbeitet, sich als Frau gegenüber Männern behaupten zu müssen, betrachtet die chinesische Version das Geschlecht als zweitrangig und nimmt die Figur ernst, fragt nach ihren Schwächen und wie sie diese überwinden kann, verhandelt die Grausamkeit des Krieges und die Entscheidungen, die man dabei treffen muss. Die Liebesbeziehung wird der Heldin nicht versagt, jedoch ohne Kitsch erzählt, dafür mit poetischer Tragik."

Sei ein Mann

Die interessanteste Kritik steht in der eben noch bespöttelten WELT. Dort heißt es, "Mulan" sei "Der Disney-Film, den Peking wollte" – und nichts Anderes als "chinesische Propaganda".

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG wiederum nimmt den Film als Beleg dafür, dass Disney unter "Innovationsmüdigkeit" leidet. Während Andreas Busche im Berliner TAGESSPIEGEL ganz hingerissen schwärmt, "Mulan" lasse sein moralisches "Gerüst so filigran und leichthändig schweben wie ein Mobile".

Sie finden, dass wir uns heute viel zu lange mit "Mulan" beschäftigt haben? Tja, das ist für uns, mit einem taz-Titel, ein "schmerzhaftes Urteil". Umso angesprochener fühlen wir uns deshalb von der SZ-Überschrift: "Sei ein Mann."

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