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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 21.03.2020

Aus den FeuilletonsMit Nudeln gegen die Isolation

Von Arno Orzessek

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Teller mit Spaghetti Bolognese (imago / Westend 61)
In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erklärte der Gourmet-Kritiker Jakob Strobel y Serra die Zubereitung einer "recht einfachen" Spaghetti Bolognese. (imago / Westend 61)

Das Kuschelwesen Mensch hat es gerade nicht leicht. Es soll Abstand halten zu seinen Mitmenschen. Ein wenig Trost wäre da ganz schön. Pasta kann Abhilfe schaffen – zumindest einen Abend lang, behauptete die „FAZ“ und druckte ein Bolognese-Rezept ab.

"Und wozu Dichter in dürftiger Zeit?", lautet Friedrich Hölderlins berühmte alte Klage-Frage, der einem Virus dieser Tage zu unvermuteter Frische verhilft. Doch davon später mehr. Zunächst – aus Anlass seines 250. Geburtstags – zu Hölderlin selbst. "Unabhängig von seinem späteren Wahnsinn – Hölderlin hatte schon einen an der Waffel, oder?", eröffnete Ijoma Mangold in der Wochenzeitung DIE ZEIT das Gespräch mit dem Schriftsteller Heinz Ott, Autor des Buches "Hölderlins Geister".

Wohl wahr: Wie kann einer über dürftige Zeit maulen, wenn seine Zeitgenossen Goethe, Schiller, Kleist, Hegel und Schelling heißen? "Das hat mit Hölderlins äußerst übersichtlichem Geschichtsbild zu tun", erklärte Ott. "Demnach war am Anfang, bei den alten Griechen, alles herrlich, harmonisch und schön. Dann kam mit dem Christentum die schreckliche Götternacht, die andauert bis heute. Und nun gibt es Hoffnung auf die Wiederkehr der Götter."

Hölderlins Sehnsucht nach dem Absoluten

Dachte jedenfalls Hölderlin. Oder besser: Davon träumte er dichtend. Denn Hölderlin hatte, laut einer Überschrift in der Tageszeitung DIE WELT, "Sehnsucht nach dem Absoluten". Aber nicht nur deshalb ist der Dichter laut Tilmann Krause heute nicht mehr angesagt:

"Von allen deutschen Klassikern ist er uns inzwischen am fremdesten geworden. Der hohe Ton seiner Gedichte, das große Pathos seiner Weltsicht, das Verlangen nach Transzendenz, dazu die völlige Abwesenheit von Scherz, Satire, Ironie bei umfänglichstem Bestehen auf tieferer Bedeutung: Das alles liegt quer (aber nicht im Mindesten queer!) zu unserer Zeit."

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erwähnte Alex Rühle das boshafte Bonmot des Germanisten Kurt Oesterle, Hölderlin sei nur noch die "Eiger-Nordwand für Extrem-Philologen". Andererseits zitierte die Berliner Dichterin Nadja Küchenmeister Zeilen Hölderlins, die kein Mensch mit Herz ohne Regung hören kann: "'Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind, / Ich dir noch kennbar bin.'"

"Wer Trost sucht, braucht Nudeln"

Und mit dieser wohlklingenden Wortfolge, Sie ahnen es, wechseln wir in die umständehalber dürftige Gegenwart. "Wer Trost sucht, braucht Nudeln", behauptete die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG mit Blick auf die verordnete Selbstisolation der Menschen. Und das mit dem Nudeltrost war ernst gemeint.

Der Gourmet-Kritiker Jakob Strobel y Serra, Edelfeder und Edelzunge, erklärte die Zubereitung einer recht einfachen Spaghetti Bolognese, "die garantiert allen Kindern schmeckt", fügte ein feineres Rezept hinzu und war sich sicher: "Corona ist zumindest einen schönen Abend lang vergessen." Das mag wohl sein.

Aber ist es eigentlich richtig, dass dem Kuschelwesen Mensch artfremdes Social Distancing verordnet wird und wir alle in der Wohnung hocken sollen? "Die offene Gesellschaft wird erwürgt, um sie zu retten", wetterte der Zeithistoriker René Schlott in der SZ:

"Der Staat setzt die Menschen einem Experiment mit völlig ungewissem Ausgang aus. Mit atemberaubender Geschwindigkeit und mit einer erschütternden Bereitwilligkeit seitens der Bevölkerung werden Rechte außer Kraft gesetzt, die in Jahrhunderten mühsam erkämpft worden sind: das Recht auf Versammlungsfreiheit, die Religionsfreiheit, das Recht auf Bildung, das Recht auf Freizügigkeit, die Freiheit von Lehre und Forschung, die Freiheit der Berufsausübung, die Gewerbefreiheit, die Reisefreiheit."

Nicht nur die Gesundheit, auch die Freiheit verteidigen

"Alle Macht dem Virus?" Eben das fragte sich auch die FAZ und überließ die Antwort Hinnerk Wißmann, Professor für Öffentliches Recht:

"Gesellschaftliche Vereinzelung kann keine Dauerstrategie über Wochen und Monate sein, und staatliche Hilfsversprechen leben von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren können. Es sollte nicht der merkwürdigen Vorstellung Vorschub geleistet werden, man könne in unserer ausdifferenzierten Gemeinschaft auf längere Zeit 'systemrelevante' von sonstigen Tätigkeiten unterscheiden, und der Staat gewährleistet mit seiner Macht (sprich: Kreditwürdigkeit) die Arbeitswelt. Es ist doch andersherum: Nur indem die übergroße Anzahl von Menschen jeden Tag ihren Beitrag leistet, werden Steuern und Beiträge erwirtschaftet, die den Staat in die Lage versetzen, überhaupt irgendetwas zu tun."

Fazit des FAZ-Autors Hinnerk Wißmann: "Wir müssen nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unsere Freiheit verteidigen."

Das politisch korrekte Virus

Persönlicher äußerte sich der Philosoph Maurizio Ferraris in seinen "Notizen aus der Quarantäne", die in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG erschienen:

"Am Virus kann man sterben, wie an so manchen anderen Dingen auch. Früher oder später sterben wir alle, was ja für unser Denken weiterhin einen Skandal darstellt. Den Tod kann man nicht denken. Aber es hat sein Gutes, dass das Coronavirus politisch korrekt ist und die Älteren, die schon länger leben, bevorzugt (ich darf das sagen, weil ich mit meinem zarten Alter von 64 Jahren selber ein ideales Opfer bin)."

Einen deutlich anderen Akzent setzte in der TAGESZEITUNG Uli Hannemann:

"Ich persönlich fürchte mich weniger vor der Krankheit als vor Depression und Langeweile. Aber ‚ich persönlich‘ ist meistens nur ein Synonym für Arschloch. Wir haben nun mal nur 107 kompetente Lungenärzte für 28.000 Intensivbetten. Genau deshalb bin ich froh, dass für mich so entschieden wurde. Idioten, Hedonisten und Harthörige muss man zur Vernunft einfach zwingen. Gähn."

Joshua Cohens Rache-Plädoyer

Tja, lieber Uli Hannemann! Wenn es nach dem Schriftsteller Joshua Cohen geht, gibt es draußen vielleicht doch einiges zu tun. Cohen meldete sich jedenfalls aus New York und bekannte in der FAZ:

"Ich will nicht herzlos sein, nur ehrlich: Junge Amerikaner ohne Anstellung und ohne Krankenversicherung haben wirtschaftlich gesehen allen Grund, nicht drinnen zu bleiben. Sie haben jeden Anreiz, die Infektion unter ihren Eltern zu verbreiten. Immerhin haben ihre Eltern den Planeten zerstört und ihre Zukunft gestohlen. Wenn sie dafür nicht Rache nehmen wollen, ist das entweder ein Zeichen ihrer Feigheit oder ihrer Liebe."  

Das war's. Lassen Sie sich nicht von Bangigkeit erdrücken – behalten Sie Hölderlin im Ohr: "Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte."

Mehr zum Thema

Friedrich Hölderlin - Ein Dichter in dürftiger Zeit
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 20.03.2020)

Psychiater über Hölderlin - Tröstende Worte eines schwer Erkrankten
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 20.03.2020)

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