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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 31.03.2017

Aus den FeuilletonsMit dem Rotstift gegen Dichter und Denker

Von Gregor Sander

Ein Porträt des Dichters Botho Strauß (imago / imagebroker)
Der Dichter Botho Strauß wird in der "Welt" mit Rotstift redigiert (imago / imagebroker)

Das Feuilleton gibt sich manchmal arrogant und besserwisserisch. Um dafür den endgültigen Beweis zu liefern, hat Tilman Krause in der "Welt" nun ein "Zeit"-Essay von Botho Strauß korrigiert - bis hin zum Autorenfoto.

Das Feuilleton steht ja manchmal im Verruf, etwas besserwisserisch zu sein. Tilman Krause von der Tageszeitung DIE WELT nimmt diesen Vorwurf gern an. Und zwar volley. Er korrigiert einen Essay von Botho Strauß, den dieser für die aktuelle Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT geschrieben hatte. Krause macht dies handschriftlich und mit Rotstift:

"Es ist, als ob die Lage ein wie üblich und wie früher geartetes Denken abstoße wie alten Lack und es als verbraucht und inkommensurabel erscheinen lasse",

steht da bei Strauß und Oberlehrer Krause schreibt dazu:

"Lack stößt nicht ab, er platzt ab!"

Krause gibt den Oberlehrer

Und zum Wort inkommensurabel notiert Essaypolizist Krause:

"Er will sagen: obsolet."

Begründet wird das alles mit folgenden lockeren Zeilen:

"Umkehr tut not: Das ist im Wesentlichen auch hier wieder die Forderung von Botho Strauß. Das kritische Denken hat sich überlebt, die Digitalisierung schafft die Kommunikation ab. Und so weiter. Wir haben uns seinen Text aus der 'Zeit' mal vorgenommen, redigiert und die gröbsten Schnitzer angemerkt."

Und als wenn das alles nicht schon unverschämt genug wäre, umrandet Krause das Autorenbild von Botho Strauß mit seinem Rotstift und schreibt dazu:

"Hat er diesem grauenhaften Waldschratfoto etwa zugestimmt?"

Da fällt einem nun wirklich nicht mehr viel ein, außer vielleicht: KRAUSE! 6, setzen!

Alle lieben Bob Dylan - nur seine Stimme nicht

Als einen Feuilletonliebling kann man hingegen Bob Dylan bezeichnen. Erscheint ein neues Album, singen häufig auch die Kritiker in den höchsten Tönen. Am Freitag ist es wieder so weit.

"Kaum zu glauben, aber er wagt sich auch an "As Time Goes By", er singt es zart. Überhaupt hält sich die Stimme hier so gut wie lange nicht mehr",

schwärmt Rüdiger Schaper im Berliner TAGESSPIEGEL. Dylan hat, wie auch schon auf seiner letzten Platte, Stücke aus dem "Great American Songbook" interpretiert, und damit noch einmal drei CDs besungen. Eindeutig zu viel für Jens-Christian Rabe von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG:

"Exakt von Sekunde 19 an, beim ersten gesungenen Wort 'I' von 'I Guess I’ll Have to Change My Plans' von Arthur Schwartz und Howard Dietz, hängt die Stimme unausweichlich windschief in der Musik herum. Schon dieses 'I' umtänzelt eine hörbar überforderte brüchige Stimme eher, als dass sie es trifft."

epa03306111 US musician Bob Dylan performs on stage during his concert on the second day of Benicassim International Music Festival (FIB) in Benicassim, Castellon, eastern Spain, 13 July 2012. EPA/DOMENECH CASTELLO | (EFE)Der gute, alte Bob: Songwriter, Ikone, Nobelpreisträger (EFE)

Und wer da vielleicht nicht so genau versteht, was der Rezensent meint, dem schreibt Rabe in die Kritik:

"Die Stimme und Gesangskunst des späten Dylan muss man schon sehr lieben, um die Sache – gelinde gesagt – uneingeschränkt genießen zu können."

Synchronisation: Immer wieder ein Feuilleton-Thema

Interpretationen können also selbst Bob Dylan misslingen. Jan Freitag vom TAGESSPIEGEL behauptet das auch für die Synchronisationen im deutschen Fernsehen.

"Viele Übersetzungen klingen wie schlechte Waschmittelwerbung ..."

wettert er und verdammt ein ganzes Gewerbe:

"Für die Illusion lippensynchroner Verständlichkeit wird fast jeder fremdsprachige Dialog ins Stahlbad teutonischer Emphase getaucht. Während sich Skandinaviern das Wesen des Originals untertitelt erschließen darf, bügelt Deutschland vom Filmklassiker über BBC-Dokus bis zur Netflix-Serie alles glatt."

Bis hierhin ist uns dieser Blick in die Feuilletons doch etwas nörgelig geraten, und wir wünschen uns etwas Positives zum Schluss, etwas Gelungenes, etwas künstlerisch Wertvolles und werden fündig in der SZ:

"Isabella Rossellini züchtet jetzt Geflügel."

Eine der tollsten Schauspielerinnen der Welt ist also auf das Huhn gekommen, lässt uns per Bildband daran teilnehmen und Bernd Graf ist außer sich:

"Entstanden ist nicht nur ein informatives Illustrationsensemble, es ist zum Niederknien komisch. Denn Hühner sind zum einen äußerst seltsame Tiere, das belegen die wie in einem Familienalbum aufbereiteten Fotos, die von Rossellini staubtrocken kommentiert werden: 'Die Photos offenbarten Dinge, die ich mit bloßen Auge nicht sehen konnte. Hühner vollführen viele seltsame Bewegungen.'

... wird Rossellini in der SZ zitiert. Da kann man nur hoffen, dass das der Krause mit seinem Rotstift nicht liest.

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