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Kulturpresseschau | Beitrag vom 05.08.2020

Aus den FeuilletonsMissglückter Robotereinsatz im Journalismus

Von Tobias Wenzel

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Ein humanoider Roboter steht vor einer Schultafel. Er zeigt mit dem Finger auf den Schriftzug "Artificial Intelligence (AI)". (imago images / Alexander Limbach)
Wer hat's geschrieben - der Roboter oder du? (imago images / Alexander Limbach)

Sitzt bald künstliche Intelligenz neben Redakteurinnen und Redakteuren und schreibt zündende Leitartikel? Die "Süddeutsche Zeitung" geht dem nach und stellt fest: Auf dumme Fragen fallen Maschinen (noch) nicht die richtigen Antworten ein.

Mit Zauberei beginnt diese Kulturpresseschau, mit Zauberei wird sie enden. "Der Weltgeist – was soll das sein?", fragt Thomas Assheuer in der ZEIT und feiert, gut drei Wochen zu früh, schon mal Georg Wilhelm Friedrich Hegels 250. Geburtstag, indem er dessen zentralen Begriff des Weltgeistes zu deuten versucht: "Eine überirdische oder unterirdische Kraft? Oder ist es magic cleaning: eine Zauberformel, mit der ein genialer Philosoph die chaotische Welt für sich aufräumt und ihr eine Ordnung verleiht?" Irgendwann, "nach Jahrtausenden seiner Wanderschaft", erreiche jedenfalls der Geist als Weltgeist sein Ziel, erklärt Assheuer Hegel. Und dieses Ziel sei "die Verwirklichung von Vernunft und Freiheit". Es sei, so Hegel selbst, "das, was Gott mit der Welt" wolle.

Gerade durch das "Negative", durch "Gewalt und Zerstörung", erläutert Assheuer weiter, komme der Weltgeist seinem Ziel näher. Eben aus Fehlern lernen. "Aber wo stünde der Weltgeist heute?", fragt Assheuer in der ZEIT. "Soll man sich Xi Jinping, Trump, Putin wirklich als verkappte Geschäftsführer des Weltgeistes vorstellen? Als nützliche Idioten des Fortschritts, die durch den Widerstand, den sie provozieren, einer besseren Zukunft die Schneise schlagen?"

Warum der Name "Karen" schwierig ist

Wer sich außerstande sieht, das zu beantworten, für den hier eine andere Frage: Sollte man sein Kind heute noch Karen oder – englisch ausgesprochen – Karen nennen? Eher nicht. Denn, erfährt man aus Matthias Heines Sprachkolumne für die WELT, "Karen" ist in den USA und mittlerweile auch schon unter deutschen Nutzern sozialer Medien ein Schimpfwort. "Als Karen bezeichnet man seit einiger Zeit die weiße Mittelschichtfrau, die sich ihrer Privilegien so sicher ist, dass sie wegen jeder Kleinigkeit den Geschäftsführer sprechen möchte oder die Polizei ruft", erklärt Heine und gibt konkrete Beispiele: "Frauen, die sich bei den Ordnungshütern beschwerten, weil ein schwarzer Aktivist 'Black Lives Matter' an sein eigenes Haus mit Kreide schrieb (niemand glaubte ihm, dass er selbst in einem wohlhabenden Viertel wohnt) oder weil ein neun Jahre altes Mädchen 'ohne Genehmigung' Wasserflaschen auf der Straße verkaufte."

Was GPT-3 von Karen oder vom Namen "Karen" hält, können Sie, liebe Hörer, selbst im Internet herausfinden. GPT-3 ist nämlich eine allgemein zugängliche künstliche Intelligenz des Forschungsinstituts OPEN AI, erfährt man aus Michael Moorstedts Artikel für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Wenn man ein Thema vorgebe, schreibe GPT-3 überzeugende Texte: von Märchen über Betriebsanleitungen bis zu juristischen Abhandlungen.

Moorstedt hat Teile seines SZ-Artikels von der künstlichen Intelligenz verfassen lassen und kursiv hervorgehoben, damit der Leser noch zwischen Mensch und Maschine unterscheiden kann. Moorstedt gibt vor: "Du bist Journalist und schreibst an einem Artikel über eine neue künstliche Intelligenz, ..." Und GPT-3 fährt fort: ".... die von der Regierung entwickelt wurde. Du hast keine Ahnung davon, aber du ahnst, dass dieses Projekt dein Leben, vielleicht die ganze Welt verändern könnte."

Wie viele Augen hat ein Grashalm?

Dem Wirtschaftsmagazin "Bloomberg" zufolge würden wir, wenn wir einmal auf das Jahr 2020 zurückblicken, nicht nur an die Coronapandemie, sondern auch an die  künstlichen Intelligenz GPT-3 denken. Mit unsinnigen Fragen könne man GPT-3 aber noch aufs Glatteis führen, so Moorstedt: "Auf die Frage, wie viele Augen ein Grashalm habe, antwortet GPT-3 mit 'eines'."

Und wenn diese künstliche Intelligenz demjenigen, der gerade die Kulturpresseschau schreibt, sagt, er sei ein Zauberer und entdecke in einer Ruine eine Sammlung von Zauberbüchern, und dieser Zauberer der künstlichen Intelligenz antwortet "Lass mich jetzt in Ruhe meine Kulturpresseschau schreiben!", dann schweigt GPT-3 und es wird eingeblendet: "Die künstliche Intelligenz weiß nicht, was sie dazu sagen soll."

Mehr zum Thema

Philosophische Orte - Hegels Schreibtisch
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 26.07.2020)

Automatisierte Moral - Das ethische Dilemma des technischen Fortschritts
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 29.07.2020)

Künstliche Intelligenz in der Medizin - Wie Technik das Verhältnis von Arzt und Patient wandelt
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