Aus den Feuilletons

"Messerscharfes Formbewusstein"

Der französische Regisseur Alain Resnais 2012 in Cannes.
Der französische Regisseur Alain Resnais 2012 in Cannes. © picture alliance / dpa - Guillaume Horcajuelo
Von Adelheid Wedel · 02.03.2014
"NZZ" und "TAZ" loben Heterogenität und Formenspiel des verstorbenen Alain Resnais. Wie Autoren als Zeitzeugen auf den Ersten Weltkrieg schauten, bespricht die "FAZ". Der "Tagesspiegel" widmet sich Weimar zu derselben Zeit.
"Der Krieg ist eine Maschine des Todes und der Lüge".Um diese Aussage ranken sich Texte von 17 Autoren auf der Doppel-CD "1914 – 1918. Große Autoren erzählen vom Weltkrieg“. Hubert Spiegel lobt in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG die "durchdachte Auswahl, die stimmige Dramaturgie"und die Arbeit von Regisseur David Fischbach.
Ein paar mehr bibliografische Angaben hätten dem Beiheft allerdings gutgetan, merkt er an. Das schmälert kaum die Qualität dieser Edition, die uns den Blick auf "die Urkatastrophe des vorigen Jahrhunderts" nahebringt, ob hurra schreiend wie Richard Dehmel, voller Schrecken wie Georg Trakl, ironisch-analysierend Kurt Tucholsky oder bitter-düster Bertolt Brecht.
Beklemmend die Beschreibung Ernst Tollers,
"der mit dem Mythos aufräumt, deutsche Soldaten seien dem Feind in Todesverachtung mit dem Deutschlandlied auf den Lippen entgegengestürmt. Gesungen haben sie, das stimmt, aber tatsächlich lagen die Männer unter Beschuss durch die eigene Artillerie, der sie sich durch den verzweifelten Gesang zu erkennen geben wollten".
Auf den Weltenbrand von 1914 blickt in diesem Jahr auch die Klassik-Stiftung Weimar zurück. Der TAGESSPIEGEL berichtet davon: Weimar war nicht der einzige Ort, an dem sich "die Eliten der kriegführenden Länder in einen beispiellosen Krieg der Kulturen warfen",aber auch hier waren sie am "Prozess der intellektuellen Aufrüstung beteiligt".
Beethoven-Partituren in Schützengräben
Der einflussreiche Weimarer Literaturkritiker Adolf Bartels wetterte schon 1905 gegen "die nivellierende großstädtische Kultur, gegen den blasierten Internationalismus". Der Soziologe Werner Sombart beschwor den Weimar-Mythos und sah die Soldaten mit "Faust“, "Zarathustra“ und Beethoven-Partituren in den Schützengräben. Im Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft hieß es 1915 unverblümt: Wer Kultur will, wird den Krieg segnen. Und wörtlich: "Gerade der Krieg, … ist der gewaltigste Förderer der Kultur".
Naturforscher Erich Heckel im nahen Jena hingegen, ebenfalls vehementer Befürworter des Krieges, "sah dennoch hellsichtig und mit Entsetzen, dass die Kultur-Menschheit vor einer der größten Katastrophen der Weltgeschichte stehe".Dieses Paradox von Kriegsbejahung und Untergangsstimmung will die Weimarer Ausstellung im Spätsommer genauer beleuchten.
Etwa 20 Jahre später"versammelte sich im belgischen Ostende eine illustre Runde von Hitler-Gegnern", darüber schreibt Volker Weidermann in seinem dieser Tage bei Kiepenheuer und Witsch erscheinenden Buch "Ostende – 1936, Sommer der Freundschaft“. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG druckt einen kurzen Text daraus vorab.
Wunsch nach Heimkehr
Er führt uns vor Augen, wie "Menschen auf der Flucht" vor Nazideutschland "sich jeden Tag den Kopf zermartern über der Frage, was sie dazu beitragen können, dass sich die Welt schon bald in eine andere Richtung dreht. Damit sie heimkehren können in das Land, aus dem sie stammen. Freunde, Feinde, von einer Laune der Weltpolitik an den Strand von Ostende geworfen".
Zu ihnen gehören Hermann Kesten, Stefan Zweig, Joseph Roth, Irmgard Keun, Ernst Toller, Willi Münzenberg und andere. "Allesamt Erzähler gegen den Untergang".
Alle uns vorliegenden Feuilletons vom Montag trauern um Frankreichs großen Regisseur Alain Resnais. In der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG nennt Patrick Straumann Resnais
"eine Ausnahmeerscheinung, in vielfacher Hinsicht. Sein heterogener Geschmack, der von den Comicstrips bis zum Chanson populaire reichte, widerlegte nicht selten die Erwartungen, die von den jeweils vorangehenden Werken geweckt wurden. Das messerscharfe Formbewusstsein, das seine ersten Filme charakterisierte, ließ jedenfalls kaum auf die melancholische Heiterkeit schließen, die sein Spätwerk durchzog".
Ähnliches betont Dominik Kamalzadeh in der Tageszeitung TAZ: "In seinen Filmen erforschte Resnais, wie aus der fragmentierten Form Neues entsteht". Das wurde bis zuletzt belohnt. "Aimer, boire et chanter“, uraufgeführt auf der Berlinale im Februar, erhielt den Silbernen Bären für "einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet".
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