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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.10.2018

Aus den FeuilletonsLobgesang auf den Sommer

Von Arno Orzessek

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Ein Paar läuft Händchen haltend in der Abendsonne durch den Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg (imago/Olaf Selchow)
In diesem Jahr nimmt der Sommer gar kein Ende und wird deshalb zum Thema im Feuilleton. (imago/Olaf Selchow)

"Er hört nicht auf. Immer, wenn wir denken, die große Fracht dieses Sommers wäre nun verladen und nasser Herbst kehrte ein, geht es weiter." Die „FAZ“ widmet sich dem nicht enden wollenden Sommer. Eine lesenswerte Lektüre nicht nur für Sonnenanbeter.

"Er ist sehr groß", titelt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Und wenn wir verraten, dass mit "er" der Sommer gemeint ist, dann dürften viele unter Ihnen an die Verse aus Rilkes Herbstgedicht denken: "Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß".

Der FAZ-Autor Rainer Hank hält jedoch zurecht fest, dass vom Sommer 2018 noch gar nicht im welken Rilke’schen Präteritum gesprochen werden kann. Denn merke:

"Er hört nicht auf. Immer, wenn wir denken, die große Fracht dieses Sommers wäre nun verladen und nasser Herbst kehrte ein, geht es weiter. Es ist schon Oktober – und immer noch Sommer, später Sommer. Als ob die Zeit seit April in angenehm warmer Heiterkeit stillstünde. Gewiss, es wird jetzt wieder früh dunkel und abends kühl. Am Tag dauert es etwas länger, bis der Nebel weicht und die Luft sich aufwärmt. Doch spätestens am mittleren Nachmittag zeigt die Sonne noch einmal, was sie kann. And the livin‘ is easy: Welch ein Sommer!"

Da auch wir innerlich nach wie vor heiter ausgekleidet sind vom unvergleichlichen 2018er Sommerlicht, betrachten wir gewisse inhaltliche Schwächen des FAZ-Artikels als natürliche Folge des halbjährigen Sonnenbads und empfehlen ihn nicht nur Sonnenanbetern zur Lektüre.

Kapitalismus als Form des Sozialismus

Aus restlos anderen Gründen lesenswert ist der Artikel "Kapitalismus ist kein Schicksal" in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Angesichts des Titels könnte man eine linksdrehende Kapitalismus-Kritik von der Stange erwarten, doch ein Zwischentitel verspricht sogleich mehr. Er lautet: "Der Kapitalismus enthält nicht nur sozialistische Elemente. Er ist eine Form des Sozialismus."

Das dürfte so manchem nicht einleuchten. Und da hier der Raum fehlt, um den profunden Gedankengang des SZ-Autors Andreas Zielcke gründlich zu rekonstruieren, empfehlen wir Ihnen heute schon zum zweiten Mal Selbstlektüre.

Doch zumindest aus Zielckes Zusammenfassung zitieren wir gern des Längeren:

"Seit dem Kommunistischen Manifest hängen viele noch immer der Vorstellung an, dass der Sozialismus ein Jenseits des Kapitalismus ist. Diesen Irrtum sollte man loswerden. Das hätte den fruchtbaren Effekt, dass man nicht wegen der schweren Defizite des Kapitalismus auf sein Ende hoffen, von irrealen Utopien träumen oder resignieren muss, sondern die Lösung in ihm selbst sucht. Kapitalismus ist ein soziales Projekt, kein soziales Schicksal, gegen dessen Schläge man sich im besten Fall nur versichern kann. Es hilft nichts, über den Kapitalismus zu jammern und zu klagen und zu versuchen, ihn wie ein asoziales Monster auszuschalten. Die Lösung im Sozialismus suchen heißt, sie im Kapitalismus finden."

Davon abgesehen, dass Sahra Wagenknecht & Co. bei der Lektüre eventuell aus dem Lesesessel kippen, halten wir den SZ–Artikel von Andreas Zielcke für einen Gewinn.

Funny van Dannen über die Linken

Die Tageszeitung DIE WELT führt ein Gespräch mit dem linken Liedermacher Funny van Dannen. Und wie es inzwischen alle Tage vorkommt, übt der Linke von Dannen Kritik an den Linken.

Der Schriftsteller und Sänger Funny van Dannen (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Der Schriftsteller und Sänger Funny van Dannen (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

"Leute wie Thilo Sarrazin sind ja so bekannt geworden, weil sie Sachen gesagt haben, die viele Leuten durchaus gestört haben. Als wir früher im Kindergarten beim Elternabend in Kreuzberg saßen, dauerte das gerne mal vier oder fünf Stunden, weil alles übersetzt werden musste. Wenn man aber gesagt hätte: ‚Ich fände es gar nicht schlecht, wenn die türkischen und arabischen Mütter Deutsch könnten‘, dann hätte man schnell in der rechten Ecke gestanden. Alles, was von außen kam, mussten wir toll und bunt finden. Das war es aber nie nur. Und dann benennen die Rechten solche Probleme und bekommen die Zustimmung."

Sterbehilfe für Kunst?

Tja, unsere Zeit reicht nur noch für eine weitere Lektüre-Empfehlung. Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG plädiert für Kunst-Sterbehilfe: "Zahlreiche Kunstwerke fristen ein trostloses Dasein, fernab der Öffentlichkeit, in den Depots. Lasst sie doch einfach in Würde sterben."

Okay, das war’s. Vielleicht sieht man sich ja am Kiosk. Und sollten Sie dann über unsere Presseschau mosern, werden wir uns mit einem NZZ-Titel herausreden. Er lautet: "Die Muse küsst, wie und wen sie will."

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