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Kulturpresseschau | Beitrag vom 28.07.2019

Aus den FeuilletonsLob der Faulheit

Von Klaus Pokatzky

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Mann schlafend in einer Hängematte mit einem Hut über seinem Gesicht. (dpa / picture alliance / imageBROKER)
In der "Neuen Zürcher Zeitung" lesen wir, dass es im deutschen Wortschatz kein schöneres Verb als "faulenzen" gibt. (dpa / picture alliance / imageBROKER)

In der "Neuen Zürcher Zeitung" wird der Faulheit das Wort geredet. Für mehr ist es ohnehin zu heiß. Die nächsten Tage versprechen aber Abkühlung – glaubt man der Wettervorhersage. In der "Süddeutschen" erfahren wir mehr über die ersten TV-Wetterberichte.

"Von allen Untugenden ist die Faulheit gewiss die schönste."

So will uns die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG vom Blick in die Feuilletons abhalten – zu dem Fleiß gehört. "Wo es doch im deutschen Wortschatz kein schöneres Verb als ‚faulenzen‘ gibt", lockt Roman Bucheli.

"Nichts Falsches, nichts Verwerfliches schwingt in diesem Wort mit, das wie wenige andere unser Ohr verheissungsvoll umschmeichelt. Es strömt eine unwiderstehliche Verführungskraft aus."

Wir lassen uns nicht verführen. Wir arbeiten. Journalisten sind fleißig. "Vor 70 Jahren hat die BBC Wettervorhersagen als feste Größe ins Programm aufgenommen", erfahren wir aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Und wie sah das dann aus, als 1951 in Deutschland der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) so langsam das Fernsehen startete und dabei auch die Wetterkarte nicht vergaß?

"Die Moderatoren bemalten vor laufender Kamera zur Veranschaulichung Papierkarten. Sie nahmen Schiefertafeln zur Hilfe, schoben Wolken auf einem Tableau hin und her und hielten Puppen in die Kamera, die je nach Wetter einen Regenschirm oder eine Jacke trugen."

Darwinistischer Konterfußball

Damals gab es noch richtige Winter und erträgliche Sommer. "Homo sapiens ist das einzige Tier, das sich nicht der Umwelt anpasst, sondern die Umwelt sich", sagt in der Tageszeitung TAZ Friedrich Küppersbusch.

"Das findet die Umwelt so halbtoll und deutet gerade mit Hitze und Dürre an, wie darwinistischer Konterfußball aussieht."

So erklärt uns der Fernsehmoderator, was wir einst in der Schule von Darwins Evolutionstheorie und der natürlichen Auslese der Arten gelernt haben. Damals kannten wir 40 Grad Hitze nur aus tropischem Urlaub, und es war sowieso alles ganz anders.

"Es übermannte uns eine Faulheit, wie wir sie in der Schule nie kannten", erinnert sich in der NEUEN ZÜRCHER Roman Bucheli an seine faulen Schülernachmittage.

"Es war eine geradezu metaphysische Faulheit. Wir kannten nichts Vergleichbares."

Sehnsucht nach traditionellen Geschlechterrollen

Und wie war das mit den Lehrern? "Von einem Lehrer damals zu erwarten, dass er sich hinstellt und öffentlich sagt: ‚Ich bin schwul‘, das wäre beruflicher Selbstmord gewesen", sagt im Interview mit der TAZ der pensionierte Lehrer und Schwulenaktivist Gottfried Lorenz.

"Bei Parteien wie der AfD zeigt sich die Sehnsucht nach traditionellen Geschlechterrollen vor allem in der Abneigung gegen Transsexuelle und Homosexuelle", heißt es im Berliner TAGESSPIEGEL.

"Die werden als Untergrabung der traditionellen Auffassung von zwei Geschlechtern wahrgenommen: Männer, Frauen und die heilige Kluft zwischen ihnen", macht uns im Interview der niederländische Soziologe Abram de Swaan deutlich, dass die schwulenfeindlichen Zeiten auch bei uns noch nicht völlig der Vergangenheit angehören.

Gedanken zum Berliner CSD

"Am Wochenende feierten rund eine Million Menschen in Berlin den Christopher Street Day", lesen wir in der TAZ, für die Bahar Sheikh und Hengameh Yaghoobifarah beträchtliche Probleme mit dem Mitfeiern hatten:

"Auf den ersten Blick erinnerte die Menschenmasse an eine WM-Fanmeile, nicht zuletzt als sich uns ein von oben bis unten in Deutschlandfarben eingekleideter Typ annähern wollte. Wir baten ihn, sich zu verpissen."

Toleranz sieht anders aus.

"Es vermischte sich in diesen Augenblicken die Süsse des Nichts mit der Bitterkeit der Leere." So baut uns Roman Bucheli in der NEUEN ZÜRCHER dann wieder auf mit seinem Bekenntnis zur Faulheit:

"Und die Feen des Tagtraums verhießen uns, was uns zugleich die Dämonen des Nachmittags wieder entrissen."

Und jetzt können wir wieder faul werden.

Mehr zum Thema

50 Jahre Christopher Street Day - Wie weit sind wir?
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 27.07.2019)

Hitze - Jammern übers Wetter ist entlastend
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 24.07.2019)

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