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Kulturpresseschau | Beitrag vom 01.10.2020

Aus den FeuilletonsLet there be Luft!

Von Hans von Trotha

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Aus einem offenen Fenster hängt Bettwäsche zum Auslüften. (picture alliance / dpa/ Karl-Josef Hildenbrand)
Stoßlüften, Querlüften - die Welt staunt über die ausgefeilte Lüftungstechnik in Deutschland. (picture alliance / dpa/ Karl-Josef Hildenbrand)

Wer bisher gedacht hat, in Großbritannien wird Deutschland vor allen Dingen wegen des Autobaus bewundert, den belehrt die "FAZ" eines Besseren: Geachtet wird der Deutsche wegen seiner ausgefeilten Techniken des Lüftens.

Reden wir über Deutschland. Da gibt es zwei Dinge, über die die Welt staunt: die deutsche Einheit. Was in der Regel gemeint ist, wenn von "Wiedervereinigung" die Rede ist. Und die deutsche Technik. Was in der Regel gemeint ist, wenn von "Technologie" die Rede ist. 

Die Kehrseite der Freiheit

Von der Einheit ist aus aktuellem Jubiläumsanlass viel die Rede. Die Feuilletons suchen sichtlich nach Blickwinkeln, die noch nicht völlig ausgeleuchtet sind. In der TAZ ist es die Frage: "Warum entstand nach der Wende keine gesamtdeutsche Presselandschaft". Nachwende-Zitat: "Freie Presse können die ja gar nicht".

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In der FAZ sind es der Umgang mit dem ehemaligen Todesstreifen ("Jetzt wächst zu, was zusammengehört") und das DDR-Theater. Das nennt Simon Strauss eine "Revolutionsmaschine": "In der DDR gab es mehr Theaterbühnen als in jedem anderen Land der Welt".

Strauss hat gezählt: insgesamt 55 568 Sitzplätze. Und diese Theater waren am Umsturz "maßgeblich beteiligt".

"Dass es heute am Theater schwieriger ist, existenzielle Reibungspunkte zu finden, als im diktatorischen System der DDR, kann als dramatische Kehrseite der errungenen Freiheit gelten", meint Simon Strauss und bemerkt: "In den regelmäßig Skandalstaub aufwirbelnden Äußerungen eines Frank Castorf ist noch ein letzter Rest jener subversiven, jede herrschende Moral bekämpfenden Ost-Identität spürbar, die ganz von ihren Feindschaften lebte."

Lieben die Wessis die Ossis?

Diese Ost-Identität treibt auch Johann Michael Möller in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG um. Er spricht von einer "Zumutungsgeschichte der Einheit". "Die Westdeutschen lieben inzwischen den Osten", stellt er fest und fragt: "Aber lieben sie auch die Ossis?"

"In diesem dreißigsten Jahr der Einheit", meint Möller immerhin, "scheinen wir Zeugen zu werden eines erstaunlichen Wandels. Eine junge Generation in den neuen Ländern fühlt sich nicht länger ihrer Heimat 'entlebt' und beginnt über sich und ihre Herkunft zu reden."

"The concept of Fenster kippen"

Wie gesagt: Reden wir über Deutschland. Fehlt noch die Technik. Aktuell: deutsches Lüften. Andrea Diener erzählt in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, die Welt staune – fast wie vor 30 Jahren angesichts der friedlichen Einigung – jetzt "angesichts unserer häuslichen Ventilationsmaßnahmen.

Zum Beispiel der britische Guardian. Dieses 'Lüften'", zitiert Diener, "'sei so etwas wie eine nationale Obsession'. "Man kenne in Deutschland die ausgefeilten Techniken 'Stoßlüften' und 'Querlüften', und ganz und gar ins Staunen gerät die Autorin angesichts der Fenster selbst."

Andrea Diener zitiert: 'In Germany, windows are designed with sophisticated hinge technology to enable varying degrees of Lüften.' Ja", erklärt Diener den technischen Vorgang, "unsere Fenster haben Scharniere, und man kann sie kippen. Das hat bislang vermutlich noch niemand je als 'sophisticated' bezeichnet, aber", so Diener, "das denkt unsereins auch nur, bis er auf Youtube auf das hierzulande bislang kaum beachtete Genre 'German Windows' stößt." Zitat daraus: "The concept of Fenster kippen was completely unknown to me."

Bisher war das Thema Technik in Deutschland anders besetzt. Mit Autos. Die schaffen es ins SÜDDEUTSCHE-Feuilleton wegen ihres aktuellen Designs. Da geht es sozusagen auch um Belüftungskonzepte, nämlich um die Kühler. Gerhard Matzig nimmt sich den neuen BMW vor. Matzig nennt das neue Frontdesign schlicht "Auto-Aggression".

Aggrodesign für Autos

"Der neue 4er BMW sagt", so Matzig, "was sonst Greta Thunberg sagt: "I want you to panic." Und Matzig zitiert den Autodesign-Experten Paolo Tumminelli: "Um den fahrenden Menschen im Wagen und seine Bequemlichkeit geht es nicht. Es geht um den vor Angst schlotternden Menschen vor dem Wagen."

Als würden die deutschen Autodesigner das heimelige Gerede von der friedlichen Einheit mit ihrem "Aggrodesign" konterkarieren wollen. Dann doch lieber "sophisticated Lüften". Das, zitiert Andrea Diener aus einem "German Windows"-Youtube-Video, sei die neue Art fortschrittlicher Zivilisation, in der wir heute leben. Damit ist jetzt halt nicht mehr unsere Art, Autos zu bauen, gemeint, sondern unsere Art zu lüften.

Vielleicht ist das ein echter Fortschritt.

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