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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.04.2019

Aus den FeuilletonsKüsst der Papst wie Stalin?

Von Tobias Wenzel

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Papst Franziskus küsst in Rom ein Kind auf den Kopf. (Imago / Giuseppe Ciccia)
Man darf ja wohl noch mal fragen: Kann das Kinderküssen des Papsts Franziskus mit denen von Diktatoren verglichen werden?. (Imago / Giuseppe Ciccia)

Der Schriftsteller Martin Mosebach vergleicht in einem Streitgespräch die "Stilmittel" von Hitler und Stalin mit denen des Papstes. Darf man das? fragt die WELT. Und auch andere Fragen der Moral werden in den Feuilletons erläutert.

Ganz schön viele moralische Fragen in den Feuilletons vom Donnerstag: Darf man den Papst mit Hitler vergleichen? Ist es richtig, dass die Kanzlerin ein gewisses Kunstwerk abhängt? Und: Soll der Staat in die Autonomie der Bürger eingreifen? Aber der Reihe nach.

"Nicht jeder, der Babys küsst, ist ein Diktator", heißt es in der WELT. Na, da werden jetzt aber sicher viele Mütter und Väter aufatmen! Gemeint ist allerdings kein Gutenachtkuss für das eigene Kind, sondern das öffentliche Küssen fremder Kinder, wie es eben auch Diktatoren, zum Beispiel Hitler und Stalin, praktiziert haben, um "von allen Formen der Gewalt" abzulenken.

Kein Bild fürs Kanzleramt

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat in einem Streitgespräch die "Stilmittel" von Hitler und Stalin mit denen des Papstes verglichen und wohl auch das Küssen und Tätscheln von Kleinkindern gemeint. Darf man einen solchen Vergleich anstellen? Das fragt der Germanist Karl-Heinz Göttert in der WELT.

Mosebach kritisiere den "Diktatorenkitsch, der im Fall der Kirche nicht zum Morden, aber zur Abweichung von der rechten Lehre führe", interpretiert ihn Göttert und fährt fort: "Hat Mosebach Papst Franziskus mit Hitler und Stalin verglichen? Direkt nicht, er spricht ja nur von Stilmitteln, die sich gleichen." Allerdings nehme Mosebach "billigend in Kauf", dass "mindestens flüchtige Leser" glauben, Mosebach wolle dem Papst etwas Totalitäres nachsagen. Mosebach verfahre nach dem Motto: "Brich Tabus, wenn du mit Fakten nicht durchkommst."

Erst ließ Angela Merkel das von ihr geliebte Bild "Blumengarten" von Emil Nolde im Kanzleramt abhängen, nachdem bekannt geworden war, dass der Maler doch noch etwas mehr Nazi und Antisemit war, als bisher angenommen. Nun distanzierte sich Merkel von ihrer Idee, stattdessen einen Schmidt-Rottluff aufzuhängen: Auch dieser Maler war Antisemit. Der Verleger, Kunsthistoriker und Autor Florian Illies ist von der Kanzlerin enttäuscht.

Was ist privat, was darf der Staat?

Ihr Verhalten habe viel zu tun mit der "Sehnsucht unserer prüden, verängstigten Zeit nach einer besenreinen Kunstgeschichte", schreibt er in der ZEIT. Er plädiert dafür, die Widersprüchlichkeit von Geschichte und Mensch (Noldes Bilder wurden eben auch als "entartet" aus den Museen verbannt) herauszustellen. "Und der Wahrheit Raum zu geben, dass leider auch niederträchtige Menschen höchste Kunst schaffen können. Das ist natürlich unbequem. Aber viel mutiger, als wieder damit anzufangen, Bilder abzuhängen."

Die "Händewaschmoral lässt zunehmend zu wünschen übrig", schreibt Johan Schloemann in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, um auszuführen, dass es gar nicht so absurd wäre, wenn bei einer immensen Verbreitung lebensgefährlicher Keime der Staat eine Händewaschpflicht einführte.

"Der Staat greift sehr oft in die Autonomie der Bürger ein. Und das ist gut so", urteil der Autor und nennt Beispiele aus der jüngsten Zeit: Die "Organspende ist einfach keine Privatsache, und noch weniger ist es die Impfung gegen Masern. Es ist sehr verstörend, wenn Mitbürger behaupten, diese Dinge gingen den Staat nichts an, erst recht natürlich, wenn ungeimpfte Kinder staatliche Kindergärten besuchen, denn wir leben nicht für uns allein." Und weiter: "Der demokratische Staat, in dem formell alle die gleichen Rechte haben, ist ein Zwangssystem zur Ermöglichung von Freiheit."

Van Gogh billig zu haben

Nach so vielen moralischen Fragestellungen zum Schluss noch ein Schuss. Der Revolver, mit dem sich der Maler van Gogh 1890 das Leben nahm, ein 7mm-Lefaucheux, wird am 19. Juni in Paris versteigert, wie man aus Adam Soboczynskis Artikel für die ZEIT erfährt. In seinen Worten: "Auf 60.000 Euro wird das verrostete Ding geschätzt. Das ist billig, weiß der Teufel, warum. Der Lefaucheux-Revolver, mit dem Paul Verlaine 1873 auf seinen Geliebten Arthur Rimbaud schoss, erzielte vor drei Jahren 435.000 Euro. Und dabei überlebte der noch."

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