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Kulturpresseschau | Beitrag vom 19.07.2019

Aus den FeuilletonsKünstliche Intelligenz entscheidet über Bücher

Von Tobias Wenzel

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Der Schriftzug "Data has a better idea" leuchtet unter eínem Fenster an der Wand. (unsplash/Franki Chamaki)
Entscheidet bald nur noch eine Software, welches Buch gedruckt im Regal landet? (unsplash/Franki Chamaki)

Welche Bücher im Regal der Buchhandlung landen, entscheidet mittlerweile auch eine Lektoratssoftware, die mit einer künstlichen Intelligenz arbeitet. Die liest und bewertet die Manuskripte, schreibt die "Welt". Der Verlag kann sich den Lektor sparen.

"Längst ist der 20. Juli zum symbolischen Ort für die Gesamtheit des deutschen Widerstands gegen Hitler geworden." Stauffenberg-Biograf Thomas Karlauf schreibt das in einem Text für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Der wiederum fußt auf dem Manuskript zur Rede, die er an diesem Samstag in der Frankfurter Paulskirche zum 75. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler hält. Die Deutschen hätten ihre Zeit gebraucht, um den 20. Juli anzunehmen:

"Der Tag hielt den Deutschen ja immer auch den Spiegel vor: Seht her, ganz so opportunistisch, wie ihr euch zwölf Jahre lang verhalten habt, hättet ihr nicht zu sein brauchen, Widerstand war möglich." Allerdings sei uns Deutschen das Verständnis für die Motive der Verschwörer vom 20. Juli meist abhandengekommen. Denn ihr Antrieb sei nicht der "Aufstand des Gewissens" gewesen, wie heute viele glauben, sondern – viel rationaler – die Sorge um die Zukunft Deutschlands.

In den Worten Karlaufs: "Wie schaffen wir es, jetzt, wo ein deutscher Sieg nicht mehr realistisch ist, einigermaßen unbeschadet aus der Sache rauszukommen?"

Graphic Novel "20. Juli 1944"

"Die didaktische Intention ist das Problem seines Buchs", schreibt Jan Jekal in der TAZ über Niels Schröders Graphic Novel "20. Juli 1944": "Während die historische Eckdaten runterbetende Erzählstimme noch erträglich ist, wenn sie sich auch zu Schulbuch-Sätzen wie ‚Den Nationalsozialismus beurteilte Stauffenberg zunächst positiv‘ hinreißen lässt, müssen Schröders Figuren ihre Intentionen plump ausbuchstabieren, was zu hölzernen inneren Monologen und gestelzten Dialogen führt", schreibt Jekal in seinem Verriss und gibt ein Beispiel: "So vertraut Stauffenberg seinem Bruder in einem Punkt an: ‚Ich bin leider von ihm geblendet worden, wie so viele.‘ Der Bruder antwortet: ‚So ist es vielen gegangen, Claus.‘ Und: ‚Du bist jetzt bereit, dein Leben zu opfern – damit der Krieg und das Morden ein Ende finden. Das würden nicht viele tun. Das wird die Nachwelt anerkennen und würdigen.‘" Kommentar des Rezensenten: "Zum Beispiel in Form einer Graphic Novel."

Software liest Manuskripte

Hat da der Lektor geschlafen? Und wäre ein automatisches Lektorat kritischer gewesen? Das gibt es nämlich schon, wie man aus Marc Reichweins Artikel für die WELT erfährt: Die Software LiSA soll Manuskripte effizient analysieren und Bestseller vorhersagen können.

Den Verlagen mangelt es an Personal, um die tausende von Buchmanuskripten zu sichten. Da ist es natürlich verführerisch, der künstlichen Intelligenz die Aufgabe zu übertragen. Zurzeit würden neun Verlage, darunter auch Publikumsverlage, die Software nutzen, sagt die Entwicklerin. Die Publikumsverlage möchten aber dazu kein Interview geben. Wohl auch, weil sie ihren Lektoren nicht das Gefühl geben wollen, man könne sie durch eine Software ersetzen.

Laut Software Fitzek besser als Fontane

Reichwein nennt ein Beispiel für die Ergebnisse der Lektoratssoftware:

"Wenn man den Computer einen Roman von Theodor Fontane und einen Thriller von Sebastian Fitzek lesen lässt und dann das Screening auswertet, schneidet ‚Passagier 23‘ besser ab als ‚Effi Briest‘. Mehr Sentiment, mehr Thrill, mehr Drama. Und unterm Strich erheblich mehr Bestsellerwahrscheinlichkeit, nämlich 93 Prozent gegenüber 51. Fitzek schlägt Fontane." Reichwein hat mit einem Kleinverleger gesprochen, der die Software begeistert nutzt: "Für ihn funktioniert das Ganze wie beim Kreditrating durch Banken."

Das ist allerdings Andrian Kreye von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG so gar nicht geheuer. "Im amerikanischen Kreditwesen hat man beispielsweise errechnet, dass ein Nutzer, der sich in den sozialen Medien für elektrische Gitarren interessiert, nicht so kreditwürdig ist", schreibt Kreye und kommentiert das so: "Welches kranke Fünfzigerjahrehirn diese sozialdarwinistischen Parameter aufgestellt hat, kann man nur ahnen."

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