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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 08.04.2020

Aus den FeuilletonsKörperlos im digitalen Vakuum

Von Tobias Wenzel

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Chinesische Schauspieler tragen Mund-Nasen-Schutz bei einer gestreamten Probe in der Jin Opera in Taiyuan. (Cao Yang / Xinhua / imago-images)
Absurd anmutende Probensituation im chinesischen Taiyuan im Livestream. (Cao Yang / Xinhua / imago-images)

Im Wiener "Falter" plädiert Uwe Mattheiß gegen das Streaming von Kultur: "Digitale Parallelaktionen" würden im schlimmsten Fall die Ausbeutung der Kunst vorantreiben. Gerade die Darstellenden Künste bräuchten die körperliche Anwesenheit der Akteure.

"Hört auf zu streamen!" Uwe Mattheiß ruft das aus in einem Artikel für den Wiener "Falter", den nun die TAZ nachdruckt. Und er meint: Digitale Parallelaktionen könnten die Kunst nicht retten, würden im schlimmsten Fall sogar ihre "Ausbeutung vorantreiben": "Beobachtet eigentlich jemand, was aus der ganzen schönen Kunst wird, wenn sie in die Körperlosigkeit des digitalen Vakuums entweicht?", fragt Mattheiß.

Kunstwerke bräuchten den "'Schmutz' der Materialien". Und gerade die darstellende Kunst benötige die körperliche Anwesenheit der Akteure. Wenn man die digitalen Medien in der Coronakrise nutzen wolle, dann bitte nur dort, wo sie wirklich Sinn machten, wo das Digitale als Material mitgedacht werde. Also nicht einfach Theaterstücke abfilmen und streamen. Schweigen ist da für Mattheiß oft die bessere Lösung: "Wer nicht schweigen kann, hat auch für nachher nicht wirklich etwas zu sagen."

Geduld und Gebete gegen Corona

Ob Recep Tayyip Erdoğan wirklich etwas zu sagen hat, sei einmal dahingestellt. Aber er sagt einiges, wenn auch zurzeit nicht gerade souverän, meint jedenfalls Bülent Mumay. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG schreibt er: "Erdoğan, der die Produktion nicht stilllegen und keine Ausgangssperre verhängen kann, weil die Staatskasse leer ist, wiederholte hilflos: 'Jeder soll seinen eigenen Ausnahmezustand verhängen.'"

Deshalb würden gerade selbst AKP-Wähler mit dem Westen Hoffnung verbinden: "Einer Umfrage zufolge sagten auf die Frage, wo sie außerhalb der Türkei gern leben würden, 43 Prozent der AKP-Anhänger: 'in Deutschland'."

Mumays Kommentar: "Sie würden also gern in jenes Deutschland ziehen, das ihr 'Anführer' Erdoğan in Grund und Boden verdammte." Die türkische Regierung setze beim Virus auf folgende Strategie: "Geduld und Gebet": "Jeden Abend erklingt von den Minaretten ein Gebetsruf gegen Corona."

"Berühre mich nicht." Das sagt der auferstandene Jesus zu Maria Magdalena. Daran erinnert Anna-Lisa Dieter in der WELT mit Blick auf das Osterwochenende und die Folgen der Coronakrise: Auferstanden sei Jesus "nicht mehr von dieser Welt" und könne deshalb nicht berührt werden.

Frivole Zeit nach Ende des Kontaktverbots

Und nun haben wir eine geradezu "berührungslose Gesellschaft". Schon jetzt verspürt die Autorin "die Sehnsucht nach der körperlichen Nähe zu Fremden, nach ihren Gerüchen, Geräuschen, danach, sie im Vorübergehen zu streifen". Was macht der Entzug von Nähe mit uns? Und was passiert dann, wenn das Coronavirus keine Gefahr mehr darstellt? Anna-Lisa Dieter hat da eine Vermutung: "Vielleicht erwartet uns eine frivole Zeit."

Im Gegensatz zu Jesus natürlich. Der soll sich mal lieber mit Plato beschäftigen. Jesus ist verhaftet worden und durfte Plato nicht mit aufs Revier nehmen. Der Moskauer Jesus Worobjow ist nämlich mit seinem Hund Plato in einer abgesperrten Grünanlage spazieren gegangen. Als er festgenommen wurde, musste er Plato allein zurücklassen. All das berichtet Kerstin Holm in der FAZ und beruhigt: "Plato fand allein den Weg nach Hause." Und ist nun wieder mit Herrchen zusammen. 

Schön, dass das Coronavirus wenigstens ein paar skurrile Geschichten wie diese zu Tage fördert und auch schräge Fantasien: DER FREITAG hat 16 Autoren darauf angesetzt, "realistisch-utopische Vorschläge für eine rundum erneuerte Gesellschaft nach Corona" zu machen. Das Ergebnis unter anderem: "Entschleunigung", "Reiche besteuern" und "Ewiger Frieden".

Weniger utopisch, also durchaus realistisch ist, wovon Karsten Krampitz träumt: "Heiligabend nach Corona spielen wir endlich Sissy-Saufen. Das wollte ich schon immer mal tun. Wir schauen uns alle drei Teile an. Und jedes Mal, wenn jemand 'Majestät' ruft, heben wir einen."

                   

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