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Kulturpresseschau | Beitrag vom 21.07.2019

Aus den FeuilletonsIm Übergroßen das Intime

Von Paul Stänner

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Ein riesiger Kopf mitten im See ist das Bühnenbild von Rigoletto auf der Seebühne Bregenz (picture alliance/Felix Kästle/dpa)
Intime Schauspielkunst auf großer Bühne: "Rigoletto" auf der Seebühne Bregenz (picture alliance/Felix Kästle/dpa)

"Rigoletto" auf der Bregenzer Seebühne erhält von allen Seiten gute Kritiken. Bühne top, Besetzung fabelhaft, schreibt die "Süddeutsche". Die "taz" lobt, dass hinter dem ästhetischen Overkill das wahre Gefühl sichtbar werde.

"'Wie ich es schon oft getan habe und weiter tun werde, möchte ich auch hier betonen, dass Menschen nicht nur Ratio, sondern auch Leib sind.' Als bekennende Epikureerin musste ihr der Leib näher sein als jede Ideologie", schreibt die Süddeutsche Zeitung über die ungarische Philosophin Ágnes Heller.

Von Ideologien hat Heller genug erlebt: Nur durch Zufall war sie nicht von ungarischen Faschisten ermordet worden, sie machte eine halbe Karriere im kommunistischen Ungarn, bis auch das nicht mehr möglich war, lebte und lehrte im Westen, kehrte nach 1990 wieder nach Ungarn zurück, wo sie erneut, diesmal von Viktor Orbán, vertrieben wurde.

"Gegen Jürgen Habermas, der in der Gerechtigkeit das entscheidende ethische Problem sah," schreibt die SZ, "bestand sie auf dem Primat der Freiheit" - nach ihrer Lebensgeschichte nur zu verständlich. Habermas selbst nennt seine Kollegin in der FAZ "eine Philosophin im alteuropäischen Sinne. In ihrem Denken spiegelt sich ein ungewöhnliches Leben, eine schmerzhafte Lebensgeschichte." 

Die 90-jährige Agnes Heller ist am vergangenen Freitag in Ungarn auf einen See hinaus geschwommen und nicht zurück gekehrt. Habermas, der Heller seit langem kennt, glaubt, das Schicksal sei ihr passend gekommen: "Ich kann mir gut vorstellen, wenn mir dieser tröstliche Gedanken erlaubt ist, dass sie sich ein kontingentes Zuschlagen des Todes gewünscht hat."

Die Welt der Kinder dokumentieren

Im Fernsehen läuft der Dokumentarfilm "Kinder". Ein Jahr lang hat die Regisseurin Nina Wesemann vier zehnjährige Kinder in Berlin begleitet, um ihre Welt zu dokumentieren.

"Nina Wesemann hält die Perspektive so konsequent, dass Erwachsene, wenn sie denn überhaupt auftauchen, aus dem Bild herausragen.", schreibt der Tagesspiegel, der im übrigen gut darauf verzichten kann, dass der Film nicht mit einer Botschaft aufwartet, denn: "Wesemann fängt eher die Stimmung dieser vier Kindheiten ein. In den ausgewählten Szenen wirken die Kinder jedenfalls unverstellt und nicht wie Schauspieler ihrer selbst."

Genau das bestreitet die FAZ: "Je länger aber der Film dauert, desto weniger glaubt man ihm die vorgebliche Spontanität und das reine und ungefilterte Beobachten. Die Kinder wirken gecastet. Die Situationen größtenteils inszeniert."  

Allein die Jungs mit ihrem Bildungshunger, der auf Museen zielt und öffentlich-rechtliches Fernsehen - "Bitte!", ruft die FAZ fast gequält, "Je länger 'Kinder' dauert, umso mehr fühlt man sich verschaukelt. 'Kinder' ist ein Märchen von Kindern, das durch Manipulation berühren soll."  Das Feuilleton zerfällt in Pro und Contra, nun müssen Sie selbst schauen. Der Film läuft am Montagabend um 23.45, also nur für Eltern, auf Arte.

Alle lieben "Rigoletto"

In Bregenz wurde Giuseppe Verdis "Rigoletto" gespielt, inszeniert von Philipp Stölzl. Jubel allenthalben. Erstaunlich ist zunächst einmal der riesige Kopf im Bühnenbild, der zugleich auch Bühne ist.

"Auf diesen Spielflächen", schreibt die SZ," zaubert Stölzl, erfahrener Film- und Opernmann, ganz selbstverständlich Intimität. Die fehlt oft auf der Seebühne, hier sind gerade die Zweierszenen berührend zart. Die Premierenbesetzung ist fabelhaft."

Die Süddeutsche kann sich kaum lassen vor Freude und fährt fort: "Verdi vernichtet den Menschen Rigoletto, hier wird die Figur zerlegt. Dem Kopf, der lange fast lebendig wirkt, werden die Augen, Zähne, die Nase geraubt, er wird zum Totenkopf."  

Den "Mut zum Monumentalen" würdigt die taz. Auch sie findet im Übergroßen das Intime, nämlich: "Hinter dem ganzen ästhetischen Overkill wird auf einmal die Nacktheit des wahren Gefühls zumindest wieder ahnbar. Ja, und wer eher nicht in der Stimmung ist, das zu ahnen, hat zumindest einen bunten, richtig gut gesungenen Abend erlebt und viel zu gucken gehabt."

Das ist doch mal ein wunderbar genussfreudiger, nahezu epikureischer Ansatz für Opernfreunde.

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