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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.01.2019

Aus den Feuilletons"Hormone und Kummer"

Von Arno Orzessek

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Michel Houellebecq und das Cover seines neuen Romans "Serotonin". (DuMont Buchverlag/picture alliance/dpa/Foto:Guillaume Pinon)
Michel Houellebecq und das Cover seines neuen Romans "Serotonin". (DuMont Buchverlag/picture alliance/dpa/Foto:Guillaume Pinon)

In Frankreich ist der neue Roman von Michel Houellebecq erschienen und auch die deutschen Feuilletons sind voll mit Rezensionen. Nicht jeder ist begeistert. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, der lange Anfang komme einem vor "wie ein welker, unglücklich gealterter Textsack".

"Hormone und Kummer" betitelt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ihre Rezension von "Serotonin", dem neuen Roman des französischen Schwarzmalers Michel Houellebecq.

So weit wir Houellebecqs Schaffen überblicken, ließe sich fast jedes seiner Bücher unter der Überschrift "Hormone und Kummer" besprechen. Und tatsächlich bemängelt der SZ-Rezensent Alex Rühle, "dass die ersten 160 Seiten des neuen Buches wirken, als seien sie von einem Houellebecq-Generator erschaffen worden." Dazu, so Rühle, trügen vor allem Passagen bei, in denen es um das Verhältnis des Protagonisten Florent-Claude Labrouste zu Frauen und Sex geht.

Fragwürdiges Frauenbild

"Da er die ersten Seiten mit [seiner Lebensgefährtin] Yuzu in einer Nudistenkolonie in Spanien verbringt, kann er zum einen Nationalitätenklischees vom Stapel lassen, 'die Holländer, das waren wirklich Schlampen, ein Volk polyglotter Kaufmänner und Opportunisten, diese Holländer, man kann es gar nicht oft genug sagen', weshalb er das dann oft genug sagt. Zum anderen bietet Houellebecq das Nudistensetting einmal mehr die Möglichkeit, alternde Frauen als welke Fleischsäcke zu skizzieren; daneben gibt es natürlich unfassbar geile junge Schnitten. Beide Arten von Frauen werden vor allem als Schlampen tituliert."

Kaum nötig zu sagen: Der SZ-Autor Rühle distanziert sich entschieden von Houellebecqs Sexismus. "Mitte der Neunzigerjahre wirkten diese Schimpfereien noch sehnig, straff und unverbraucht. Jetzt kommt einem der sehr lange Anfang dieses Romans vor wie ein welker, unglücklich gealterter Textsack, in den nach der gängigen Rezeptur natürlich auch noch Islamophobie, Schwulenhäme und sehr viel Alkohol und Psychopharmaka gestopft werden."

Immerhin: Der "Lebensschmerz" des Protagonisten wirkt auf den leicht angewiderten Alex Rühle "echt".

Alles nicht so ernst gemeint?

Dem dürfte Gregor Dotzauer kaum beipflichten. Der Rezensent des Berliner TAGESSPIEGEL stigmatisiert den Roman "Serotonin" mit den Worten: "Etwas Kränkeres hat Houellebecq nie erfunden. Und doch könnte es sich dabei weniger um die radikaldarwinistisch ausgesponnene und gleich wieder durchgestrichene Ultima Ratio eines Dostojewski-Adepten handeln als um einen billigen Effekt. Der Verdacht, dass die Spott- und Selbstverspottungstiraden von 'Serotonin' nicht wirklich ernst gemeint sind, verliert sich nie."

Die freundlichste Kritik steht in der Tageszeitung DIE WELT und stammt von Mara Delius.

"Houellebecq hat tatsächlich ein hyperzeitgenössisches Buch geschrieben. Aber er hat auch ein tiefes, schönes Buch über die menschliche Existenz geschrieben."

'Ein tiefes, schönes Buch über die menschliche Existenz' küren wir hiermit zur abgenudeltsten Formulierung des Tages.

Warum Liebe endet

Unterdessen klärt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, "Warum Sex ohne Liebe so begehrt ist". Der ratgebermäßige Titel ist allerdings eine Mogelpackung. Denn das Buch der israelischen Soziologin Eva Illouz, das die NZZ-Autorin Birgit Schmid bespricht, heißt "Warum Liebe endet".

Lesen wir einige Zeilen aus Schmidts Rezension: "Durch die sexuelle Befreiung wurde die Freiheit zur normativen Grundlage der Liebe erhoben, und das hat seinen Preis. Diese Freiheit kann nun zum Phantom werden. So anerkennt Illouz, dass die Aufwertung der Sexualität die Frauen ermächtigt hat, selber über ihren Körper zu bestimmen. Sie benennt aber auch das Dilemma: Frauen würden durch die Sexualisierung in einem von Männern beherrschten Markt gleichzeitig entwertet. Die Autorin schreibt als Feministin."

Am Ende schlägt sich Birgit Schmid auf die Seite von Eva Illouz und fordert: "Stellt Sehnsucht und unerfülltes Begehren wieder über die schnelle Triebbefriedigung, über das Habenwollen und den oberflächlichen Genuss. Lasst euch ein, indem ihr euch ausliefert."

Ein Interview über Trump

Kurz noch etwas Politisches. Wir empfehlen Ihrer Lektüre das Interview, dass die TAGESZEITUNG mit dem Intellektuellen Hans Ulrich Gumbrecht aus Kalifornien führt. Einziges Thema: Donald Trump.

Gumbrecht kritisiert den US-Präsidenten harsch, er gibt aber auch zu bedenken: "Womöglich lockert sein Irrsinn manchmal Situationen auf, die eine vernünftige Politik nicht mehr entwirren kann."

Bitte schön, darüber können Sie ja jetzt mal nachdenken. In diesem Sinne: Tschüss!

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