Aus den Feuilletons

    Homeschooling und das Versagen des Staates

    04:20 Minuten
    Eine Frau unterrichtet ihre beiden Töchter während der Coronapandemie zu Hause.
    Die Politik ignoriere die Überforderung der Eltern beim Heimunterricht während der Pandemie, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". © imago-images / photothek / Ute Grabowsky
    Von Arno Orzessek · 02.07.2021
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    Die "SZ" fällt ein vernichtendes Urteil über die Handhabe der Schulpflicht in Pandemiezeiten. Politiker trieben mit einer "Mischung aus Zynismus, Kaltschnäuzigkeit und Verantwortungslosigkeit" die Eltern schulpflichtiger Kinder in die Verzweiflung.
    An diesem Samstag vor 50 Jahren starb Jim Morrison, der selbsternannte Eidechsenkönig, Frontmann der Rockband The Doors, Großkonsument von Bier und Baudelaire, LSD und Nietzsche und so weiter und so weiter. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG zeigt ein Foto Morrison 1968 bei der Umrundung eines Altars. Die Bildunterschrift lautet:
    "Große, größte Pose. Seit Rilke hatte niemand mehr so eindringlich darauf bestanden, dass er von der Muse geküsst wurde und nur wiedergab, was sie ihm einflüsterte."

    Erinnerungen an Jim Morrison zum 50. Todestag

    "Morrison selbst", erklärt der SZ-Autor Willi Winkler, "soll am Anfang so schüchtern gewesen sein, dass er mit dem Rücken zum Publikum sang. Dann wurde er der Poet, der Seher, das Medium. Die ersten Stücke schrieb er einfach mit, was er hörte, bei dem fantastischen Rockkonzert, das da in meinem Kopf ablief. Er schrieb ja schon immer, Gedichte, Prosa, Fantasien, Träume. Aber, bei aller Liebe, erst durch die Doors wurde Kunst draus: drei absolut unverkennbare Instrumentalisten verstärkt durch die Performance dieses zauberschönen Jünglings."
    Winkler verschweigt nicht, dass Morrison binnen weniger Jahre fett, impotent, ein Drogenwrack wurde. Aber letztlich bleibt der SZ-Autor freundlich. Während sich Edo Reents in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG deutlich distanziert:
    "Die ganze Geheimniskrämerei, der Kult, den Jim Morrison mit dem Dionysischen, mit den verbotenen Wonnen des Abseitigen veranstaltete, konnten intellektuell gar nicht anders, als unausgegoren zu wirken. Man darf festhalten, dass er sich als Dichter und Filmemacher eher zu sehr verwirklicht hat - es sei denn, man legt Wert auf Lyrik, die Tiefsinn meistens nur vortäuscht und im Grunde nicht viel mehr ist als ein Ausdruck spätpubertärer, unbeherrschter Verzweiflung, oder auf Filmbilder, die ohne Sinn und Verstand zusammenmontiert wurden."
    Reents wiederum verschweigt nicht, dass so manches Stück der Doors zurecht überdauert. Und weil Reents seinen geliebten Thomas Mann immer im Herzen trägt, schreibt er dem Doors-Song "Break On Through (To The Other Side)" das gleiche Begehren zu, dass auch der Tonsetzer Adrian Leverkühn im "Doktor Faustus" artikuliert: "‘Wem also der Durchbruch gelänge aus geistiger Kälte in eine Wagniswelt neuen Gefühls, ihn sollte man wohl den Erlöser der Kunst nennen.‘"

    Kritik an christlichen Andachten im Rundfunk

    Apropos Erlöser! Nach christlichem Verständnis gebührt dieser Titel Jesus von Nazareth. Und dessen frohe Botschaft dürfen die katholische wie die evangelische Kirche in exklusiven Sendefenstern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verkünden. Die TAGESZEITUNG mokiert sich deshalb über "Christonormatives Radio": "Warum haben andere Glaubensgemeinschaften kein Anrecht auf seichte Inhalte mit Liebe und Gott und bisschen Ratgeber?"
    Falls es Sie kränkt, wenn jemand christliche Andachten bespöttelt - namentlich die Morgenandacht im Deutschlandfunk -, sollten Sie den TAZ-Artikel von Mohamed Amjahid auf keinen Fall lesen. Ansonsten aber unbedingt. Sie werden grinsen.

    Der Staat verletzt seine Fürsorgepflicht

    Gar nicht zum Lachen ist dem SZ-Autor Hilmar Klute zumute. Angesichts der Aussicht, dass auch im Herbst in den Schulen Wechselunterricht angesagt sein könnte, deklamiert Klute: "Eltern, lasst die Politik nicht so ungeschoren davonkommen." Dann wird der SZ-Autor erfreulich unwirsch:
    "Es sind Politiker wie Angela Merkel und Winfried Kretschmann und Helge Braun, die mit inzwischen zu Routine gefrorener Mischung aus Zynismus, dröhnender Kaltschnäuzigkeit und Verantwortungslosigkeit Eltern in die Verzweiflung treiben. Denn die Eltern haben in den vergangenen Monaten die Aufgaben des Staates übernommen, dem eine gesetzlich verankerte Fürsorgepflicht obliegt und der dafür zu sorgen hat, dass Kinder in die Schule gehen können. Das Verrückte ist die von der Politik geduldete Normalität: In einem der reichsten Länder der Welt unterrichten Eltern mithilfe von verlässlich abstürzenden Browsern ihre Kinder in Schreiben und Rechnen. Die Schulpflicht ist in Deutschland obsolet geworden, oder, wie die Kanzlerin sagen würde: egal."
    Unser Harmonie-Bedürfnis diktiert uns, mit einem schönen Satz zu enden. Er stammt von dem Maler Lyonel Feininger, war einst an seine Frau Julia gerichtet und dient der Tageszeitung DIE WELT als Überschrift: "Alles durch Dich, alles."
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