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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.04.2021

Aus den FeuilletonsHelden der französischen Literatur

Von Hans von Trotha

Der französische Dichter Charles Baudelaire. (imago/Leemage)
Vor 200 Jahren geboren: der Schriftsteller Charles Baudelaire (1821–1867). (imago/Leemage)

Mehrere französische Geistesgrößen haben es in die Feuilletons geschafft: Michel Foucault, Charles Baudelaire und Gustave Flaubert. Doch während Foucault wegen Missbrauchsvorwürfen im Zwielicht steht, werden Baudelaire und Flaubert als Heroen gefeiert.

Es gibt so einiges, worum das deutsche Feuilleton die französische Kultur beneidet: das Pathos, die langen Dialoge in den Filmen, den Hang zum Großen und den Mut zum Heroischen. Und so kommt es, dass unsere Feuilletons manchmal voll sind von französischen Helden. An diesem Tag zum Beispiel.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Auch wenn sie stürzen sollen, Heroen sind sie dennoch. Und wer lässt sie stürzen? Wann? Und wie? Fragen an den "Fall Foucault". So titelt die WELT. Der Schriftsteller Guy Sorman erhebt gegen den 1984 verstorbenen Philosophen den Vorwurf, in Tunesien Kinder sexuell missbraucht zu haben. Der Vorwurf selbst ist schwer zu klären.

Säulenheiliger des 20. Jahrhunderts

Bleibt die Frage nach den Umständen, unter denen sie erhoben werden. Martina Meister setzt das Puzzle für die WELT so zusammen:

"Mit seinem in den USA als 'French Theory' rezipierten Werk lieferte (Foucault) die Vorlage für das neue identitätspolitische Denken und dessen Konsequenzen, für die Cancel Culture und die Woke-Welle. Genau das macht Sormans Anschuldigungen zu einer Bombe. Es geht schließlich nicht nur darum, einen der großen Säulenheiligen des 20. Jahrhunderts eventuell von seinem Podest zu stoßen, sondern möglicherweise um das altbekannte Phänomen, dass die Revolution am Ende ihre eigenen Kinder frisst. Um die Frage also, ob Foucault am Ende mit Foucault gecancelt wird?"

"Michel Foucault sei nie etwas geschehen", zitiert Willi Winkler in der SÜDDEUTSCHEN Guy Sorman, "weil er der 'König der Philosophen' gewesen sei, 'in Frankreich ist er wie unser Gott', schreibt Sorman und verrät", wie Winkler mutmaßt, "damit womöglich auch ein wenig die Zielrichtung seiner Anwürfe."

Schließlich stehe Sorman in dem Ruf "ein Marktradikaler zu sein, für den 'Achtundsechzig' ein Schreckbild darstellt." Alles in allem befindet Willi Winkler erst einmal:

"In Paris wurde Sormans Anschuldigung gelassen aufgenommen. Zu gut passt sie zu den jüngsten Enthüllungen aus der hochgradig missbrauchsanfälligen Pariser Kultur-Bohème."

Vor 200 Jahren geboren: Baudelaire und Flaubert

Das Buch, in dem die Vorwürfe formuliert sind, nennt sich Dictionnaire du Bullshit. Martina Meister charakterisiert es in der WELT als ein "an Gustav Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze angelegte(s) Lexikon des Unsinns."

Womit wir beim nächsten Heroen wären: Flaubert. Und gleich beim übernächsten: Baudelaire. Sie kamen beide 1821 zur Welt, Charles Baudelaire am 9. April. "Was verbindet ihn mit Gustave Flaubert?", fragt Wolfgang Matz in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN. "Und was uns mit ihnen?"

Für Matz ist diese Frage "ein Fall für Zahlenmystiker: 1821 werden sie geboren (…) Wiederum in ein und demselben Jahr veröffentlichen sie ihre Meisterwerke: Flaubert Anfang 1857 'Madame Bovary', Baudelaire im Sommer 1857 'Les Fleurs du Mal'. Beide werden durch diese Bücher in legendären Prozesse wegen Unmoral angeklagt (…) Und ebenso gleichen sie sich im jeweiligen Finale furioso: Die Nachwelt feiert den Roman einer provinziellen femme fatale und den Gedichtband voll 'kränkelnder Blumen' als Auftakt aller modernen Literatur".

Lothar Müller lässt in der SÜDDEUTSCHEN Flaubert erst einmal weg, der hat ja auch erst im Dezember Geburtstag und würdigt Baudelaire allein. Dessen Kunst sei "bei allen Ekstasen der Einbildungskraft um den Schwarz-Weiß-Kontrast zentriert. Er ist der Mann in Schwarz, der in Poesie und Prosa alle Nuancen der Farbe wie des Wortes 'noir' erschließt, ob er gerade für die Franzosen die Geschichten von Edgar Allan Poe (…) übersetzt oder in der Uniformität der zeitgenössischen Männermode mit ihren Fracks und Zylindern den 'Heroismus des modernen Lebens' entdeckt".

Lesen wie einen Fortsetzungsroman

Womit wir wieder beim Thema wären: dem allgegenwärtigen Heroismus der französischen Kultur. Wenn's um französische Heroen geht, schleicht sich eine Art Schwundstufe davon manchmal auch in unsere Feuilletons. Immerhin ruft Wolfgang Matz am Ende seiner FAZ-Würdigung aus:

"Den Ungewissen von heute ins Stammbuch!" Mit Ausrufezeichen. "Die Literatur der Moderne wurde klassisch allein durch den Stil als Ausweis künstlerischer Wahrheit. Und dass man sie immer wieder liest wie der Koch den Fortsetzungsroman: verzaubert, gerührt, amüsiert, zutiefst gefesselt, macht sie unsterblich."

Geht doch.

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