Aus den Feuilletons

    Gehen als antikapitalisische Fortbewegung?

    04:20 Minuten
    Die Beine von männlichen Athleten, die gerade 20 Kilometer Gehen absolvieren.
    Anders als Fußballer locken Geher nicht Zehntausende von Fans zum Superspreading in ein Stadion. © picture alliance / dpa / Bernd Thissen
    Von Hans von Trotha · 28.06.2021
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    Sport, wohin man blickt in den Feuilletons. Die "Taz" beschäftigt sich mit dem Gehen, das als olympische Disziplin zwar gewöhnungsbedürftig aussieht. Aber Geher schonen das Klima und animieren – anders als Fußballer – nicht zu Superspreading-Events.
    Sprechen wir über Sport. Und über England. Die kürzeste Version wäre Winston Churchills "No sports". Aber wir nähern uns ganz langsam: Sprechen über das Gehen. Das nämlich entdeckt Helmut Höge in der TAZ "als antikapitalistische Fortbewegung".
    "Das Gehen", so Höge, "ist eine olympische Disziplin, eine extrem hässliche, bei der es um die größtmögliche Schrittgeschwindigkeit geht". Dabei "bewegt man sich schrittweise in aufrechter Haltung auf den Füßen fort, wobei ein Fuß immer den Boden berühren muss. Das gilt für Zweibeiner, bei Vierbeinern müssen es drei Füße sein."

    "Ministry of Silly Walks"

    Was das mit England zu tun hat? Gleich im ersten Absatz erinnert Höge an einen legendären "Monty-Python-Sketch über eine Reihe neuer Gehideen des `Ministry of Silly Walks´".
    Womit dieser Zusammenhang geklärt wäre. Was aber macht Gehen antikapitalistisch? Reicht es, dass die TAZ ihm huldigt? Nein, für eine solche These bedarf es schon eines Kronzeugen aus den gegnerischen Reihen. In diesem Fall ist das der Generaldirektor der internationalen Euro Exim Bank. Für den, referiert Höge, "sind Leute, die zu Fuß gehen, sogar schlimmer als Radfahrer, sie mieten sich nicht einmal ein E-Bike".
    Und Höge zitiert: "Ein Radfahrer ist bereits eine Katastrophe für die Wirtschaft des Landes: Er kauft keine Autos und leiht sich kein Geld, um zu kaufen. Er zahlt nicht für Versicherungen. Er kauft keinen Treibstoff… Er benutzt keine bezahlten Parkplätze. Er verursacht keine schweren Unfälle. Er benötigt keine mehrspurigen Autobahnen. Er wird nicht fett." Und: "Gesunde Menschen sind weder gebraucht noch nützlich für die Wirtschaft. Sie kaufen keine Medizin. Sie gehen nicht in Krankenhäuser oder (zu) Ärzte(n)."

    Über den aufrechten Gang

    Das leuchtet natürlich unmittelbar ein. Und könnte eine Erklärung für Höges Fazit sein, das lautet: "Man sagt, der aufrechte Gang wird zuletzt gelernt. Aber er wird auch zuerst wieder gebeugt: an der Schulbank, am Büroschreibtisch oder bei schwerer körperlicher Arbeit."
    Ein Beruf, bei dem man viel zu Fuß unterwegs ist, aber sofort beschimpft wird, wenn dies im Modus des Gehens geschieht, ist Fußballer. Auch dieser Sport ist politischer, als man denkt. Es sei, lehrt uns Frank Lübberding in der FAZ, "der Fußball ein zutiefst demokratischer Sport. Wer die Abseitsregel verstanden hat, kann mitreden".

    Michael Ballack liegt daneben

    In einem weiteren Leben finden sich nicht wenige von denen, die die Abseitsregel verstanden haben oder wahlweise einmal selbst Fußball gespielt haben, in einem Job wieder, in dem man gar nicht mehr gehen muss, nur noch reden: Fernsehkommentator.
    Lübberdings Thema ist "Michael Ballack als Experte bei Magenta TV", beziehungsweise dessen Kompetenz, "wenn er den Ausgang eines Spiels tippen soll. Am Sonntag setzte er … in den Achtelfinals auf die Niederlande und Portugal. Es gewannen die Tschechen und die Belgier."
    Und so sollte, meint der Print-Kommentator, "Michael Ballack vielleicht besser auf eine Niederlage der Deutschen tippen. Das könnte man dann als gutes Omen für den Spielausgang werten."

    Verantwortungslose Uefa

    "Etwa die Hälfte der kürzlich Covid-Infizierten in Großbritannien war geimpft", schreibt Hanfeld. Und wie reagiert man in London?
    "Ein Superspreader-Event steht an, bei dem alle zuschauen dürfen, wenn … im Wembley-Stadion die deutsche auf die englische Nationalmannschaft trifft, … sind 45000 auf den Rängen, und für die Halbfinals und das Finale hat der europäische Fußballverband Uefa befohlen, 60000 Fans in die Arena zu pferchen." Hanfeld meint völlig zu Recht, "was die Uefa da treibt" sei "verantwortungslos und gefährlich, man darf sagen, verbrecherisch."
    Und: "Während für den Herbst mögliche Schulschließungen zur Debatte stehen, lässt der Uefa-Chef … 2500 Fußballbonzen ins Wembley-Stadion einfliegen und fordert die britische Regierung auf, dass die VIPs auf Quarantäne-Vorschriften pfeifen dürfen. Die Missachtung des Gesundheitsschutzes hat ein geradezu perverses Ausmaß erreicht", konstatiert Hanfeld in dankenswerter Deutlichkeit.
    Er prophezeit: "Wenn ganz Europa im Schatten von Delta, Epsilon oder Omega liegt, werden wir den Refrain des zur EM 1996 aufgelegten Gassenhauers 'Three Lions' nicht nur auf den Fußball beziehen". Der lautet: "It’s coming home".
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