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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 11.07.2014

Aus den FeuilletonsGegen Veganer, Fructarier und Paläoisten

Kulinarische Weltrettungslehren am Pranger der FAZ

Von Tobias Wenzel

Büffet im Kempinski-Hotel
dpa / picture alliance / Fredrik von Erichsen

Ein inbrünstiges Plädoyer für glücklich machendes Essen kommt aus Frankfurt. In Mainz werden Umfragen zu "Deutschlands Besten" frisiert, und in Zürich fürchtet man sich vor dem "Einheitsbrei des Gefälligen" auf dem Buchmarkt.

"Wir müssen viel öfter auf den Verzicht verzichten und uns stattdessen der Wollust am Tisch hingeben und manchmal sogar der Völlerei." Jakob Strobel y Serra fordert das in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG in seinem inbrünstigen Plädoyer für gutes und glücklich machendes Essen. An einem Tag, an dem überhaupt Genuss und Konsum die Feuilletons bestimmen. Allein dass die TAZ und die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG am selben Tag über Fenchel, ja, Fenchel, schreiben, die TAZ kulinarisch ernst, die NZZ mit feiner Ironie (nicht etwa umgekehrt!), mag man kaum glauben. Doch zurück zu Jakob Strobel y Serra von der FAZ: "Es ist ein Trauerspiel", schluchzt er über die neue "Definition von Essen ex negativo": "Ein Gericht ist gut, weil es kein Protein hat, kein Gluten, kein einziges Kohlenhydrat enthält, weil es unseren Cholesterinspiegel nicht explodieren, unsere Fettzellen nicht wuchern, unsere Darmflora nicht kollabieren lässt." Der FAZ-Autor wettert außerdem gegen die "Welterrettungslehre", die Vegetarier, Veganer, Fructarier, Pescetarier und Paläoisten (die wie einst die Jäger und Sammler nur Fleisch und Beeren essen) verkündeten, und klagt über den "kulinarischen Analphabetismus" der Deutschen, die pro Jahr achthundert Millionen "dieser darmgepressten Fleischabfälle", er meint: Currywürste, verschlängen. Schlimmer noch: "In einem Drittel der deutschen Familien läuft beim Essen der Fernseher oder der Computer."

Falls Friederike Zoe Grasshoff und Katharina Riehl vor dem Verfassen ihres Artikels für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG die ZDF-Sendung "Deutschlands Beste!" noch einmal angesehen und dabei gegessen haben sollten, haben sie sich bestimmt vor lauter Ärger so richtig hässlich verschluckt. Das ZDF hat nun zugegeben, die der Sendung zugrunde liegende Umfrage des Instituts Forsa, also die Rangliste derjenigen Deutschen, die die Bundesbürger für die besten halten, verändert zu haben, um "angefragten Gästen der Show" (allerdings ohne deren Wissen) "einen attraktiveren Rangplatz zu geben". So habe das ZDF zum Beispiel aus Franz Beckenbauers 31. Platz einfach Platz Nummer 9 gemacht, um ihn für seine Teilnahme an der Sendung zu belohnen, schreiben die SZ-Autorinnen, sprechen von bewusster Manipulation und fühlen sich an dubiose Preisverleihungen erinnert: "So gewinnt den goldenen Haargummi und die silberne Gangschaltung eben der Promi, der sich auf den Weg zur Gala macht und sich dort fotografieren lässt. Das kann man grundsätzlich schon bizarr finden. Dass ein gebührenfinanzierter Sender aber nach diesem Prinzip seine Fernsehshows gestaltet, ist nicht bizarr, sondern ein Skandal."

"Am Ende [...] bestünde das literarische oder überhaupt künstlerische Angebot nurmehr aus dem Einheitsbrei des Gefälligen", befürchtet Joachim Güntner in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG hinsichtlich der Praktiken des Internetbuchhändlers Amazon, das Leseverhalten jener Menschen zu überwachen, die digitale Bücher mit einem Kindle-Gerät konsumieren. So weiß Amazon, welche Werke nicht zu Ende gelesen werden und an welcher Stelle die meisten Leser aussteigen. Öffentlich zugänglich sind alle Sätze, die Kindle-Leser digital markiert haben. Ein US-amerikanischer Mathematiker hat sich nun den Spaß gemacht, aufgrund dieser Markierungen oder ihres Fehlens zu überschlagen, welche Amazon-Bücher komplett oder nur teilweise gelesen wurden. In diesem Indizienverfahren sei herausgekommen, dass Stephen Hawkings Bestseller "Eine kurze Geschichte der Zeit" nur zu 6,6 Prozent gelesen wurde, schreibt Gina Thomas in der FAZ. Und Johannes Boie von der SZ hat die Methode gleich mal selbst auf deutsche Autoren angewendet und festgestellt, dass Peter Sloterdijks 489 Seiten dicker Essay "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" nur bis Seite 53 Markierungen aufweise. Das führt laut Boie zu der erstaunlichen "Vision, dass eine große berechnete Erzählung entstehen könnte, [die] sich nicht aus der Kreativität der Autoren speist, sondern aus der Nachfrage der Konsumenten." Für den Peter Sloterdijk der Zukunft könnte das heißen, dass Amazon von ihm fordert: "Bitte neu schreiben. Aber diesmal schön spannend und gut verdaulich."

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