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Kulturpresseschau | Beitrag vom 18.11.2018

Aus den Feuilletons"Es gibt minderwertige Meinungen"

Von Tobias Wenzel

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Eine Frau sitzt auf einem Sofa und liest die Zeitung "The Daily Fake News". (Unsplash / rawpixel)
Steckt auch dahinter ein kluger Kopf? Eine Frau liest die Zeitung "The Daily Fake News". (Unsplash / rawpixel)

Die FAZ beklagt eine Geisteshaltung, die Ungefährbildung und Selbstüberschätzung mischt − und versucht sich an einer "Ehrenrettung der Autorität". Die Entmachtung aller Autoritäten könne nämlich in eine "Tyrannei der Masse" münden.

"Vielleicht ist das Grundproblem noch gar nicht benannt", schreibt Simon Strauß in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, um dann zu benennen, was er eben für das Grundproblem hält: "dass wir nämlich beginnen, uns schulterzuckend mit jener grassierenden Geisteshaltung zu arrangieren, die Ungefährbildung mit Selbstüberschätzung mischt. Vielleicht ist das der eigentliche Zeitgeistfehler, dass immer mehr Menschen annehmen, ihre eigene Meinung wäre schon alles und wertvoll und in jedem Fall schützenswert. Dass es die vornehme Pflicht einer Demokratie wäre, jede persönliche Welthaltung gleichberechtigt zu behandeln. Das ist ein Irrtum: Es gibt minderwertige Meinungen, es gibt eine abschätzbare Hierarchie der Wahrheiten."

Mindestanforderung für das Reden über politische Probleme

Viele Menschen würden keine Autoritäten mehr anerkennen, weder Kirchen noch Parteien noch Medien. Trotzdem oder gerade deswegen versucht Simon Strauß, Feuilletonredakteur der FAZ und Sohn von Botho Strauß, nun "eine Ehrenrettung der Autorität". Unterstützung hat er bei Hannah Arendt ausgemacht. Die behauptete 1958 in einem Vortrag, aus der Entmachtung aller Autoritäten könne die "Tyrannei der Masse" werden. Simon Strauß weiß natürlich nur zu gut, dass man in einer offenen Gesellschaft niemanden dazu zwingen kann, Autoritäten anzuerkennen. Und das schreibt er auch.

Allerdings gebe es eine "Pflicht zur Akzeptanz von Wertunterschieden": "Niemand würde auf die Idee kommen, einen Piloten fliegen zu lassen, nur weil er ein paar Pilotenfilme gesehen hat und gern Simulationsspiele spielt. Aber beim Arbeiten an der Gesellschaft, beim Reden über politische Probleme und kulturelle Zusammenhänge soll es keine Mindestanforderung geben? Doch. Die richtige Antwort auf den liberalisierten Populismus muss heißen: Autorität der Reflexion."

Der Mensch − ein paar Terrabyte an Daten

Wenn Ihnen, liebe Hörer, die Worte von Simon Strauß so gut gefallen haben, dass sie diesen Autor nie mehr missen möchten, nicht mal nach dessen Tod, dann könnten Sie ihn jetzt schon mal vorsorglich bitten, sich komplett einscannen zu lassen. Das kostet allerdings einen siebenstelligen Betrag, berichtet Michael Moorstedt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Ein paar Terrabyte an Daten entstehen so, die visuelle DNA eines Menschen", schreibt er, wobei klar wird, dass das Verfahren besonders interessant für die Film- und Musikindustrie ist. Die Firma Digital Domain habe schon rund 60 Schauspieler auf diese Weise konserviert, um sie möglicherweise irgendwann nach ihrem Tod wieder in Filmen auferstehen zu lassen.

"Und was passiert mit den Rechten am eigenen Bild nach dem Tod?", fragt Moorstedt. Die involvierten Firmen lassen sich von solch einem Problem nicht bremsen. Und wenn die Stars schon vor ihrer Digitalisierung sterben, scannt man einfach den ähnlich gebauten Körper eines Doubles und tauscht nur das Gesicht aus. "Ende November gibt ein Hologramm von Maria Callas sein Debüt in den europäischen Opernhäusern", verrät Moorstedt, "2019 soll dann eine digital wieder auferstandene Amy Whinehouse zu einer weltweiten Tour aufbrechen."

Das Aus der "Lindenstraße"

Da kann einem der ausgetrickste Tod richtig leidtun, in einer Welt, in der nichts mehr enden darf. Nicht mal eine Fernsehserie nach 35 Jahren. "Wo ist der Denkmalschutz, wenn man ihn braucht?", spottet Friedrich Küppersbusch in der TAZ zum beschlossenen Aus der "Lindenstraße". Hans Hoff macht in der SZ im Gespräch mit dem Erfinder der Serie, Hans W. Geißendörfer, und dessen Tochter, der aktuellen Produzentin Hana Geißendörfer, einen Vorschlag für die letzte Folge: "Man könnte Quentin Tarantino engagieren" – "Der dann alle abmetzelt?", fragt die Produzentin. "Wenn die ARD sich die Lindenstraße nicht leisten kann, dann kann sie sich Tarantino auch nicht leisten. Vielleicht können alle Figuren nach oben gebeamt werden in eine postapokalyptische Alien-Serie auf dem Mars." Und ihr Vater ergänzt: "Lindenstraße im Himmel."

Mehr zum Thema:

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