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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.07.2020

Aus den FeuilletonsEine Stiftung soll geviertelt werden

Von Tobias Wenzel

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Das Schild mit den Namen einiger Museen und Pfeilen in verschiedene Richtungen steht in einem Säulengang.  (Picture Alliance / dpa / Paul Zinken)
Die "Zeit" meint, dass die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von einer Auflösung derselben profitieren würden. (Picture Alliance / dpa / Paul Zinken)

Die Empfehlung des Wissenschaftsrats, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in vier Einheiten aufzuteilen, bewertet die "Zeit" als "endgültiges Ende Preußens, zugunsten seiner Museen". Die "FAZ" warnt dagegen vor den Kosten der Reform.

"Das war's, Preußen!", titeln Anna-Lena Scholz und Tobias Timm im Feuilleton der ZEIT. Und sie meinen: Der Wissenschaftsrat empfiehlt in seinem Gutachten, das am Montag offiziell vorgestellt werden soll, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufzulösen. Denn die ist ein bürokratisches und deshalb nicht sehr erfolgreiches Ungetüm (hören Sie hier in der Dlf Audiothek auch unser Gespräch mit Tobias Timm).

Abgehängt von der internationalen Konkurrenz

"Die Besucherzahlen der Staatlichen Museen gelten gegenüber der internationalen Konkurrenz längst als peinlich gering (4,2 Millionen in allen Berliner Museen zusammen, 9,6 allein im Louvre)", schreiben die beiden ZEIT-Autoren und befürworten die empfohlene Überführung der Mega-Stiftung in vier eigene Stiftungen.

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Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, habe die Wahl, "die Auflösung der Stiftung und seines Jobs zu bekämpfen – oder mitzugestalten", analysieren Anna-Lena Scholz und Tobias Timm und folgern: "Es wäre das endgültige Ende Preußens, zugunsten seiner Museen und Bibliotheken."

Für Andreas Kilb von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG ist das ein "Wunschtraum für bessere Zeiten". Wer aus einer Stiftung vier mache, brauche dann auch vier Präsidenten, viermal Leitungsstäbe, Pressesprecher und so weiter. Das koste. "Aber dieses Geld ist nicht mehr da", schreibt Kilb mit Blick auf die aufgenommenen Schulden zur Abfederung der Corona-Folgen.

Historische Personen sind selten fortschrittlich

Das Geld für die Umbenennung der Berliner U-Bahn-Station "Mohrenstraße" sollte aber noch aufzutreiben sein. Der Senat habe allerdings die Berliner Verkehrsbetriebe, kurz BVG, zurückgepfiffen, berichtet Thomas Schmid in der WELT über das, was er eine "Farce" nennt. Die BVG wollte nämlich die Station in "Glinkastraße" umbenennen.

Michail Iwanowitsch Glinka, ein russischer Komponist aus dem 19. Jahrhundert, sei aber ein "glühender Nationalist" und ein "Antisemit" gewesen, klärt Schmid auf und belegt das. Es sei "ein schwieriges Geschäft", Bahnhöfe, Straßen oder Plätze nach historischen Personen zu benennen: "Denn die meisten von ihnen werden unseren Maßstäben nicht mehr gerecht, können das auch nicht werden. Sie schleppen den Geist und den Ungeist ihrer Zeit mit", schreibt Schmid. "Es bringt nichts, wenn wir versuchen, die Straßenschilder, an denen wir täglich vorbeilaufen, so zu gestalten, als liefen wir an uns selbst und unserer Fortschrittlichkeit vorbei."

Von versuchter politischer Korrektheit zur aufgezwungenen: "Da haben wir es also, das Muster, nach dem in Zukunft deutsche Filme entstehen sollen", schreibt, ebenfalls in der WELT, Hanns-Georg Rodek entsetzt. Er meint die neuen Richtlinien der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.

Demnach sollen sich Filmemacher, die dort Fördermittel beantragen wollen, erst fragen: "Greift die Geschichte eins oder mehrere der nachfolgend genannten Themen direkt auf?" Unter anderem "Alltag in der dritten Lebensphase", "Hautfarbe bzw. People of Color", "sexuelle Identitäten" und "sozioökonomischer Status". Eine andere Frage lautet: "Werden Figuren erzählt, die Menschen mit Behinderung darstellen?"

Quo vadis Filmförderung?

Rodek hat sich nun den Spaß gemacht, die seiner Meinung nach wichtigsten deutschen Filme der letzten Jahre daraufhin zu testen, ob sie dem neuen Geist, der durch diese Filmförderung weht, entsprochen hätten: "'Lara' (null Punkte, es sei denn, man entdeckte in der Titelheldin die Verkörperung der dritten Lebensphase, aber das wollen wir Corinna Harfouch nicht antun)", "'Der Junge muss mal an die frische Luft' (null Punkte, es sei denn, man sähe den Film als soziologische Studie über kleine moppelige Jungen)", und: "'Victoria' (ein halber Punkt, für diverse sozioökonomisch zweifelhafte Gestalten, die aber in Berlin völlig normal sind)".

Die Überschrift zu Rodeks Artikel lautet: "Ein guter Film ist nicht politisch korrekt."

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