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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 03.03.2019

Aus den FeuilletonsEine Stadt verstummt für den Klang

Von Tobias Wenzel

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Eine Geige und der Bogen liegen auf Notenblättern. (imago/Photocase)
Die Stradivari ist vollendete Handwerkskunst. (imago/Photocase)

Im italienischen Cremona wurden auf wertvollen Streichinstrumenten Töne erzeugt, um sie digital zu konservieren. Dazu wurde eine ganze Stadt stumm geschaltet. Erzwungene Stille für die digitale Konservierung des Klangs.

Am Anfang ein Aphorismus über den Aphorismus: "Aphorismen machen brotlos und selten so sexy, dass sich eine liebende Frau findet, die einen durchfüttert." Willi Winkler schreibt das in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, vielleicht aus eigener Erfahrung, in jedem Fall mit Blick auf die frühen Jahre des nun gestorbenen österreichischen Kabarettisten Werner Schneyder.

Von seiner Kunst konnte er wohl erst richtig leben, als er 1973 zur Münchner Lach- und Schießgesellschaft kam und dort mit Dieter Hildebrandt zusammenarbeitete:

"Der gab, schüchtern zwar, vorne an der Rampe den nuschelnden, scheinbar verunsicherten Staatsbürger, doch lieferte ihm aus dem Hintergrund der bulligere Schneyder die rhetorischen Spitzen zu, den österreichischen Schmäh."

In Konkurrenz zu Thomas Bernhard

Was hat Schneyder zum Kabarettisten werden lassen?, hat sich wohl Winkler gefragt. Jedenfalls schreibt er: "Kein geringer Antrieb war der ihm unbegreifliche Erfolg seines Landsmanns Thomas Bernhard. Der werde, so höhnte Schneyder bei jeder Gelegenheit, mit seinem Tod schon vergessen sein. Bernhard ist vor dreißig Jahren gestorben und lebendiger denn je. Sein Antagonist Schneyder aber wurde einer der Könige in der absterbenden Kunst des Kabaretts, ein Lear mit Schandmaul."

Bénédicte Savoy blickt zurück in eine Zeit, in der Thomas Bernhard noch lebte: "Schon vor vierzig Jahren diskutierte Europa über die Restitution kolonialer Sammlungsbestände – ohne Ergebnis", schreibt die Kunsthistorikerin in der SZ.

Neue Akteure, alte Argumente

Savoy hat im Auftrag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron einen Bericht zur Restitution afrikanischer Kulturgüter geschrieben und sich darin für eine Rückgabe stark gemacht. 1982 schon habe sich zum Beispiel Hildegard Hamm-Brücher als Staatssekretärin im Auswärtigen Amt für "Großzügigkeit bei der Rückgabe von Kulturgütern" ausgesprochen.

Aber ein Jahr später äußerte der damalige französische Kulturminister Jack Lang in einem Interview mit dem "Spiegel" Bedenken: "Man kann hier keine Automatik erwarten. Es muss in jedem Einzelfall diskutiert und verhandelt werden. Und dann ist es bei einer Rückgabe ja auch wichtig, dass die Länder in der Lage sind, die zurückgegebenen Werke zu unterhalten."

Bénédicte Savoys Kommentar: "Es sind dieselben Einwände und Vorbehalte, die man auch heute hört." Und weiter: "Fest steht, dass die Restitutionsdebatte der Jahre um 1979 so vollständig aus unserem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist, dass im Sommer 2017 selbst der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, in einem Interview behaupten konnte: ‚Die Provenienz völkerkundlicher Bestände ist ein relativ neues Thema.‘"

Der Musik zuliebe leise

Tatsächlich neu ist wohl, dass eine ganze Stadt wochenlang der Musik zuliebe leise war. Der deutsche Tonmeister Thomas Koritke hat in der italienischen Stadt Cremona aufgenommen, wie Musiker auf wertvollen Streichinstrumenten spielten, unter anderem auf einer Geige von Stradivari.

Leif Gütschow hat Koritke dazu für die TAZ interviewt. Der Sinn des Projekts: in Zukunft mit diesen konservierten Tönen digital Musik machen. "Pro Instrument werden wir für die Software etwa 100.000 Töne und Tonübergänge digital verfügbar machen." Damit alle Töne ohne Störgeräusche wie die von Autos aufgenommen werden konnten, wurden ganze Straßen gesperrt. Wachmänner schirmten Passanten ab.

Treffen sich Amati, Guarneri und Stradivari…

Erzwungene Stille für die digitale Konservierung des Klangs von Instrumenten aus den Werkstätten der größten Geigenbauer. Über die erzählt der Tonmeister einen Witz:

"Also, Amati, Guarneri und Stradivari hatten alle ihre Läden in der gleichen Straße. Und eines Tages hat Guarneri ein Schild rausgestellt, dass hier der beste Geigenbauer Europas arbeitet. Einen Tag später hat Amati dann auch ein Schild aufgestellt: Hier arbeitet der beste Geigenbauer der Welt. Am folgenden Tag hatte Stradivari ein Schild, auf dem stand: Hier arbeitet der beste Geigenbauer der Straße."

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