Aus den Feuilletons

    Eine Sexpuppe, die "Nein" sagt

    04:18 Minuten
    Der Körper einer Sexpuppe liegt auf einer Trage, daneben befindet sich ihr Kopf.
    Manche Menschen empfinden für ihre Sexpuppen eine innige Verbundenheit. © IMAGO / Sabine Gudath
    Von Paul Stänner · 30.03.2021
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    Manche Menschen wollen mit ihren Sexpuppen nicht nur Sex haben, sondern auch ein Gegenüber. Das werde zukünftig durch Roboter möglich sein, schreibt Melanie Mühl in der "FAZ". Fraglich sei, ob ihre Wünsche respektiert werden würden.
    "In Rekordzeit", schreibt Henning Peitsmeier in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN, habe die Ufa für RTL den Wirecard-Skandal verfilmt, das wohl spektakulärste Wirtschaftsverbrechen der jüngeren Vergangenheit. Aber er kann es nicht verwinden, dass einer der beiden Hauptbösewichte von Christoph Maria Herbst dargestellt wird, dem Schauspieler des legendären Versicherungsfieslings "Stromberg". Eine "Fehlbesetzung" sei er und anscheinend auch der gesamte Film: "'Der große Fake' will ein Doku-Thriller sein, aber spannend ist nicht einmal der fiktionale Teil."
    In der TAZ dagegen schwärmt Anja Krüger von "einer exzellenten Besetzung" und findet: "Die schier unglaubliche, aber wahre Geschichte wird gut nachvollziehbar und packend erzählt, informativ, aber ohne Schulfernsehanmutung." Und weil die Wirecard-Geschichte noch nicht zu Ende ist, weil der Prozess noch aussteht und ebenso der Untersuchungsausschuss im Bundestag, hofft die TAZ auf eine Fortsetzung.

    Mehr als nur eine Puppe

    Noch ein Film wird hoch gelobt, diesmal in der Zeitung DER FREITAG, die ebenfalls am Mittwoch erscheint. Die ZDF-Serie "Ku’damm" erinnert Hans Hütt an seine persönlichen 60er-Jahre - geprägt von Spießigkeit und Gehemmtheit. Er schreibt: "Als späte, junge und als alte, erfahrene Zeitgenossen lehrt die Serie uns das mitfühlende Schaudern. So bleibt als Fazit der dritten Staffel festzuhalten, dass sie uns in eine Zeit entführt, der wir bis heute nicht erfolgreich entkommen sind."
    Aus dem langen Schatten der verklemmten 60er werfen wir mit der FAZ einen Blick in die kommende Welt. Melanie Mühl beschreibt die Zukunft dessen, was wir bislang schnoddrig als Sexpuppe bezeichnet haben: "Die künstlichen Gespielinnen sollen längst viel mehr sein als erotisches Spielzeug, das nach dem Gebrauch in irgendeiner Ecke verschwindet: nämlich ein Gegenüber." Lernende Puppen sollen es möglich machen, ein richtiges Gespräch und eine emotionale Beziehung zu führen. Klingt unwahrscheinlich? Mühl erinnert daran, wie viele Kinder mit den sprechenden Dosen Siri und Alexa aufwachsen, von denen sie jetzt sogar schon darin unterrichtet werden, "Bitte" und "Danke" zu sagen.
    Konsequenterweise gibt es bereits eine Sexpuppe, die auch "Nein" sagen kann, wenn sie keinen Sex will. Mühl rätselt: "Wird sich der Besitzer von Samanthas Einspruch aufhalten lassen? Oder wird er sogar Gefallen daran finden? Die Frage stellt sich, ob hier ein Moralkodex implementiert wurde oder eher eine Art Rape-Modus."

    Handke uns seine Wutausbrüche

    In der FAZ schildert Tilman Spreckelsen, dass der französische Kinderbuchautor Jean-Claude Mourlevat den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis erhalten habe – immerhin satte 500.000 Euro. Spreckelsen schätzt an Mourlevat, dass der Autor die Welt der Abenteuerromane nicht an die wirkliche, oft unschöne Welt ausliefere, sondern "im Gegenteil das eine ins andere wirken lässt".
    Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Peter Handke sitzt bei einer in einem Theatersaal.
    Peter Handke wurde 2019 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Umstritten ist der Künstler dennoch.© picture alliance / Apa/ Barbara Gindl
    Noch ein Autor: Peter Handke diesmal. Von dessen neuem Buch "Mein Tag in einem anderen Land" fühlt sich Marie Schmidt in der SZ an den großen Schimpfer Handke erinnert, der sowohl als Privatmann als auch als Autor zu lebhaften Ausbrüchen und Anwürfen fähig ist. In dieser Erzählung um einen einsamen Protagonisten analysiert Schmidt: "Nicht nur Publikumsbeschimpfer, vielmehr Existenzbeschimpfer ist dieser Charakter. Für Momente mag man glauben, dass Handke in der absurden Hybris dieser Figur seinen jugendlichen Humor wiedergefunden hat. Man hofft zugleich, bitte, lass es keine Künstlerparabel werden."
    Schmidt erzählt eine Geschichte, die vermuten lässt, dass Handke seiner Figur der "einsam irrenden Lichtgestalt" durchaus nahesteht und schließt daraus: "Damit seine Rolle als Outcast irgendeinen Sinn ergibt, braucht er aber eben auch die unter uns dringend, die ihn für seine Künstlerpose auslachen und für seine Eitelkeit verachten. Ganz ist der alte Puppenspieler noch nicht hinter dem Mythos seiner selbst verschwunden."
    Das könnte doch auch Sie zu einer Aufgabe über die Ostertage inspirieren: Erfinden Sie einen Mythos ihrer selbst! Und haben Sie Spaß daran.
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