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Kulturpresseschau | Beitrag vom 02.05.2020

Aus den FeuilletonsEin Präsident im Ausnahmezustand

Von Klaus Pokatzky

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US-Präsident Donald Trump spricht zu Journalisten. (GETTY IMAGES NORTH AMERICA)
Schon Trumps Äußerung, Covid-19-Patienten mit Injektionen mit Desinfektionsmitteln heilen zu wollen, war für den "Tagesspiegel" ein Skandal. Doch dabei blieb es nicht. (GETTY IMAGES NORTH AMERICA)

Bald sind in den USA mehr Menschen am Coronavirus gestorben als im Vietnam-Krieg. Der "Tagesspiegel" kritisiert: "Der Präsident formuliert kein Mitgefühl, lässt keine Flaggen auf Halbmast setzen und hält Sarkasmus für eine angemessene Form des Dialogs."

"Der Wald hat etwas Tröstliches." So machte uns die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG Mut. "Hier ist es schön", schrieb Paul Jandl über die "Einsamkeit, die man sich nicht zweimal sagen lassen muss" – jene Einsamkeit, die er empfindet, wenn er von Berlin über die Autobahn Richtung Stettin fährt und dann irgendwann in seinem liebsten Wald verschwindet. Den genauen Ort teilt er uns nicht mit; sonst ist es da bald wohl nicht mehr so einsam.

"Manchmal kommen Wildschweine. Immer hat man das Gefühl, dass die Tiere des Waldes sehr beschäftigt sind. Sie haben viel zu tun. Wir gerade nicht. Das macht auf angenehme Weise demütig, bevor es wieder zurückgeht zu den Menschen."

Neuer Volkssport: Abstandsscham

Und da kann es manchmal ja richtig kompliziert sein. "Es gibt einen neuen Volkssport", lasen wir in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. "Auf Deutsch könnte man ihn Abstandsscham nennen", beschrieb Ute Frevert, was passiert, wenn wir in Coronazeiten keinen zwei Meter breiten Abstand zu unseren Mitmenschen auf der Straße oder im Supermarkt einhalten.

"Es gibt, wie immer, schwarze Schafe. Sie werden von anderen, die stets alles richtig machen, öffentlich zur Rede gestellt – und manchmal auch an den Pranger." Oder sie werden nur mehr als missbilligend angeguckt: wie der Kulturpressebeschauer, wenn er tatsächlich noch in seinem Bioladen ohne Mundschutz einkauft, wo doch alle anderen einen solchen tragen.

"So praktizierten es schon die Dorfgemeinschaften der Frühen Neuzeit, die sich das Recht herausnahmen, Einwohner, die gegen die guten Sitten verstießen, öffentlich zu tadeln", warf die Historikerin Ute Frevert den Blick zurück, als es noch keine Bioläden geben musste, weil alles bio war.

"Kritik ist möglich und sinnvoll, aber sie soll freundlich und zurückhaltend vorgebracht werden. Und sie soll unter vier Augen stattfinden, ohne Publikum. Damit verliert sie die Beschämungsqualität, die jeder öffentlichen Zurechtweisung eigen ist, und gewinnt an Eindringlichkeit." Der Kulturpressebeschauer hat sich schon ein Dutzend Mundmasken bestellt; die können aber erst im Juni geliefert werden.      

Vermummte Gefühle

"Hinter jedem Maskenträger verbirgt sich ein Mensch. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge", stand ebenfalls in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN. "Was wir verlieren, wenn wir bald alle Masken tragen", erklärte uns Melanie Mühl. "Die Maskenpflicht schafft ausgerechnet dort neue Barrieren, wo wir ohnehin oft im Dunkeln tappen: in der Gefühlswelt unseres Gegenübers. Dass man jemandem an der Nasenspitze ansieht, was ihn umtreibt, welche Gefühle ihn leiten, darin liegt eben durchaus ein Funken Wahrheit." 

Und wie sieht es anderswo aus? "Frankreich erlebt die Epidemie als Remake der deutschen Besatzung", hieß es in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN. "Es gibt Ausgangssperren wie im Krieg. Zwanzig Prozent der Pariser flüchteten aufs Land und ans Meer. Das Denunzieren und Überwachen der Nachbarn wird wieder zum gesellschaftlichen Phänomen", schrieb Jürg Altwegg über die Krankheit Covid-19 in unserem Nachbarland.

50.000 Corona-Tote in den USA

"Dass der US-Präsident so dumm ist, dass er Covid-19 durch Licht und die Injektion von Desinfektionsmitteln heilen möchte, ist der Skandal des Donnerstags", stand im Berliner TAGESSPIEGEL. "Trauriger finde ich den Freitag, an dem er sagt, seine Bemerkung sei Sarkasmus gewesen", meinte Klaus Brinkbäumer in seinem "Coronatagebuch" aus New York.

"Es gibt knapp 50.000 Corona-Tote in den USA, bald werden es mehr als im Vietnam-Krieg (58.000) sein. Der Präsident formuliert kein Mitgefühl, lässt keine Flaggen auf Halbmast setzen und hält Sarkasmus für eine der Lage angemessene Form des Dialogs."

Sarkasmus kann sehr inhuman sein. Dann schon lieber Ironie. "Ich bereite meinen nächsten Auftritt am Theater in Stuttgart vor", erzählte der Entertainer Harald Schmidt der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Natürlich weiß ich nicht, wann der sein wird, geplant war er für den 11. Mai. Dafür sichte ich stündlich die Meldungen der Mahner, Warner, Meisterdenker und Hellseher."

Wunderglaube hat Konjunktur

Und nicht nur die haben jetzt ihre große Stunde. "In der aktuellen Situation fühlen sich Wundergläubige mitunter im Aufwind, denn jetzt haben sie die Möglichkeit, ihre übernatürlichen Fähigkeiten in einer ganz besonderen Situation zum Einsatz zu bringen." Das stand in CHRIST UND WELT, der Beilage der ZEIT.

"Manche glauben sogar, durch Gebet die Pandemie stoppen zu können", schrieb die katholische Theologin Doris Reisinger. "Viele sind überzeugt, dass das Virus niemals durch gemeinsames Lobpreisgebet, geweihtes Wasser oder konsekrierte Hostien übertragen werden kann, im Gegenteil: Sie glauben, dass Gebet, Sakramente und geweihte Gegenstände besseren Schutz bieten als Social Distancing oder Masken."

Und andere tun etwas für ihre Nächsten. "Bachs Fuge in G-Dur BWV 577 schallt in einschüchternder Klangfülle und majestätischer Größe über den Hof" – dann nämlich, wenn der Organist Cameron Carpenter vor den besonders einsamen Alten und Obdachlosen auftritt, wie die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schilderte.

"Sein Publikum hat sich hinter den Fenstern versammelt, im Rollstuhl, stehend, auch die Pflegekräfte hören zu", schrieb der TAGESSPIEGEL über ein Konzert der ehrenamtlichen Corona-Hilfe: auf der Ladefläche eines Lastwagens mit einer elektronischen Viscount-Orgel. "Vor 26 Pflege- und Obdachloseneinrichtungen je 20 Minuten." Das macht Mut; da müssen wir gar nicht in den Wald.

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