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Kulturpresseschau | Beitrag vom 15.09.2020

Aus den FeuilletonsEin Mann ohne jede Lebenskrise

Von Arno Orzessek

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Der britische Schauspieler Ewan McGregor mit Bart und einer Hand am Kinn vor einer roten Premierenleinwand auf dem roten Teppich.   (imago images / Joseph Martinez / Picturelux )
Der 49-jährige Ewan McGregor glaubt nicht an die Midlife-Crisis. Damit versuche man nur, Leute in Schubladen zu stecken, sagt er. (imago images / Joseph Martinez / Picturelux )

Ewan McGregor spottet in der "Südddeutschen" über die Midlife-Crisis. Wenn es sie tatsächlich gäbe, würde er schon das ganze Leben in ihr feststecken, unkt der 49-jährige Schauspieler, der gerade eine tolle Tour mit seinem Motorrad gemacht hat.

"Ich glaube nicht an die Midlife-Crisis." Das sagt im Gespräch mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ein Mann von 49 Jahren, der gerade mit einem alten Kumpel per Elektro-Motorrad 100 Tage lang von Feuerland bis nach Los Angeles gefahren ist. Nämlich der schottische Schauspieler Ewan McGregor, den Sie vielleicht aus "Star Wars" oder "Moulin Rouge" kennen.

Die Midlife-Crisis ist altersdiskriminierend

"Wenn es so etwas gäbe wie eine Midlife-Crisis, dann würde ich schon mein ganzes Leben in ihr feststecken. Damit versucht man, jemanden in eine Schublade zu stecken. Außerdem ist das altersdiskriminierend", meint McGregor.

Ob er dabei ironisch gelächelt hat, müssen wir offenlassen – schließlich ist die SZ ein schriftliches Medium. Falls Sie sich für Männer und Motorräder und Abenteuer interessieren, schauen Sie sich doch McGregors Elektro-Trip "Long Way Up" auf AppleTV+ an.

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Falls nicht, wird Sie vielleicht "Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist" interessieren, das Buch des Schriftstellers und Aktivisten JJ Bola. Ob "toxische Maskulinität ein westliches Problem" sei, möchte der Berliner TAGESSPIEGEL in Person von Inga Barthels im Gespräch mit JJ Bola erfahren.

"Nein, aber es gibt Unterschiede", erklärt Bola, "In frankophonen Gesellschaften küssen sich Männer zur Begrüßung auf die Wange. In Großbritannien ist das unter heterosexuellen Männern unvorstellbar. Aber auch innerhalb der Schwarzen Community gibt es Unterschiede. Kongolesen, Nigerianer und schwarze US-Amerikaner wachsen mit anderen Männlichkeitsbildern auf. Die Kongolesen kleiden sich sehr farbenfroh, sind flamboyant, tanzen mit ihren Hüften. Sehr 'feminin'. Auch in Fragen von Körperpflege und Selbstfürsorge. Es war selbstverständlich, dass ich meine Kleidung bügele, den Abwasch mache. Das Patriarchat existiert aber in jeder Kultur."

Mehr Männergesundheit durch Feminismus

So der Schriftsteller JJ Bola, der im TAGESSPIEGEL übrigens auch sagt: "Nennen Sie mir eine Bewegung, die mehr für die geistige Gesundheit und das Wohlbefinden von Männern getan hat, als der Feminismus."

Unter dem Titel "Zerstörung einer modernen Frau" bespricht David Steinitz in der SZ den Film "Jean Seberg – Against All Enemies" von Benedict Andrews. Seberg war 1960 durch Jean-Luc Godards Film "Außer Atem" berühmt geworden und 1968 in die USA zurückgekehrt, wo sie eine Affäre mit dem afroamerikanischen Aktivisten Hakim Jamal begann – und deshalb vom FBI unter J. Edgar Hoover massiv ausspioniert wurde. Auf eben diese Zeit konzentriert sich Andrews Film, erläutert Steinitz.

"Hoovers Abhörtruppe ist fassungslos, dass eine junge, berühmte, verheiratete und vor allem weiße Frau es wagt, mit einem schwarzen Widerständler zu schlafen. Im Film sitzen die FBI-Herren empört zusammen, und der Abteilungsleiter erklärt erregt, man müsse verhindern, dass die amerikanische Jugend in den Klatschmagazinen zu lesen bekomme, es sei normal, mit schwarzen Revolutionären zu vögeln. Also befiehlt er, die Affäre unter FBI-Regie als Skandal öffentlich zu machen, um Sebergs Ehe und Karriere zu zerstören. Und es kommt, wie es kommen muss, wenn mittelmächtige Männer mittleren Alters sich in das Liebesleben einer jungen Frau einmischen – die Sache entwickelt sich für Seberg zur Tragödie." David Steinitz in der SZ.

Kritischer Journalismus als Problemlöser

Um von der Geschlechter-Malaise wegzukommen: Die Tageszeitung DIE WELT druckt die Rede ab, die Springer-Chef Matthias Döpfner beim Kongress des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger gehalten hat. Darin bekennt Döpfner:

"Ich bin fest überzeugt: Wenn kritischer Journalismus weiterhin eine prägende Rolle in unserer Gesellschaft spielt, wenn Journalismus wirtschaftlich gesund und staatsfern bleibt, wenn Medien weiterhin unabhängig arbeiten können, dann werden die Probleme von der großen Geopolitik bis zur scheinbaren Allmacht der künstlichen Intelligenz lösbar sein. Dann wird die offene Gesellschaft, basierend auf Rechtsstaat und Menschenrechten, die größte Errungenschaft der Moderne, triumphieren."

Ob es nun so kommt oder nicht - hoffnungsvollere Worte als jene von Matthias Döpfner können wir in den aktuellen Feuilletons nicht finden. Darum sollen es für heute die letzten gewesen sein. Tschüss und bis bald!

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