Aus den Feuilletons

"Ein Kind des amerikanischen Starsystems"

Dirigent Lorin Maazel im September 2010 bei einer Probe in Duisburg.
Dirigent Lorin Maazel im September 2010 bei einer Probe in Duisburg. © AFP/ Patrik Stollarz
Von Hans von Trotha · 14.07.2014
Drei Große sind verstorben: Die "Berliner Zeitung", die "FAZ" und die "Süddeutsche Zeitung" widmen dem Dirigenten Lorin Maazel, dem Schauspieler Gert Voss und der Schriftstellerin Nadine Gordimer einen Nachruf.
Der Tod hält den Betrieb mitunter auf, den der Feuilletons, hat man den Eindruck, mehr noch als den politischen. Wenn denn also an einem Tag drei herausregende Vertreter ihrer Künste sterben, bleibt Schreibern wie Lesern des Feuilletons gar nichts übrig als sich dem Genre des Nachrufs zu stellen, so sehr auch andere Fragen drängen mögen - die etwa, die Moshe Zimmermann in der BERLINER ZEITUNG stellt:
"Wie wäre es, wenn die Europäer dem Rassismus nicht zum gesellschaftlichen und politischen Erfolg verholfen beziehungsweise, wenn sie nicht den modernen Antisemitismus erfunden hätten?"
Worauf Zimmermann hinaus will, ist dies:
"Rassisten im Orient wissen: Europa ist zwar eine Bastion der Aufklärung und Demokratie, aber auch dort ist der Rassismus noch lebendig. Wieso also nicht auch bei uns?"
Eine garstige Frage. Oder die Frage, die Gerhard Baum in der FAZ stellt:
"Wie viele Spionagefälle müssen denn noch ans Licht kommen?", um dann theatralisch auszurufen zu dürfen: "Ich bin stolz auf die German Angst".
Oder Michael Hanefelds Frage in der FAZ zum Ranking-Betrug bei "Deutschlands Beste", mit dem sich das ZDF auf ADAC-Niveau begeben hat:
"Wer hat davon wann was gewusst?"
Seis drum. Dominiert werden die Feuilletons von Gert Voss, Lorin Maazel und Nadine Gordimer. Oder genauer: Von den Nachrufen auf diese drei, was dann doch wieder etwas ganz anderes ist.
Der Schauspieler Gert Voss, aufgenommen in Köln bei der Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises 2010. 
Der Schauspieler Gert Voss ist tot© dpa / picture alliance / Horst Galuschka
"Der größte Schauspieler Europas"
"Er war der größte Schauspieler Europas", konstatiert die FAZ kurz und knapp zu Gert Voss. Gerhard Stadelmaier schwärmt:
"In diesem Spiel war Gert Voss der König, in dessen Reich die Sonne der Verwandlung nie unterging. Er benötigte dafür keine Krone. Sein wunderbarer Kopf genügte völlig. Dass dieser Kopf nun nicht mehr mitspielen soll, ist ein ungeheurer Verlust. … Wir werden seinesgleichen nimmer sehen.“
"Unverkennbar er selbst und zugleich ein anderer“, titelt die BERLINER ZEITUNG, die NZZ: "Jeder Zoll ein Bühnenkönig", und Barbara Villger Heilig meint:
"Gert Voss war einer der Grössten seines Berufs. Mit ihm endet eine Ära."
"Der letzte Superdirigent"
Das ist ein beliebter Topos im Genre des Nachrufs. So titelt die FAZ zum Tod Lorin Maazels:
"Einer der letzten Superdirigenten", die SÜDDEUTSCH: "Der letzte Klassiker", und in der NZZ heißt es:
"Der Letzte seiner Art, das sagt sichleicht und rasch; im Falle Maazels hat es etwas ansich".
Mitunter kommt aber auch Kritik auf. Nicht nur in der taz, die darauf hinweist, dass Maazel "wusste, was er wert war. Künstlerisch und pekuniär".
Peter Uehling etwa erklärt in der BERLINER ZEITUNG:
"Maazel war ein Kind des amerikanischen Starsystems; in ihm macht ein Dirigent nicht mit einer neuen Idee von Musik Karriere, …sondern mit der effektvollen Vermittlung des bekannten Repertoires.“
Die südafrikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer am 13. Februar 2010 bei der internationalen Buchmesse in Havanna.
Die südafrikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer im Jahr 2010.© dpa/ picture alliance / Alejandro Ernesto
Chronistin des Umbruchs
Auch Nadine Gordimer wird stets gewürdigt, insbesondere als "Chronistin des Umbruchs in Südafrika", wie es Robert von Lucius in der FAZ fasst, aber als Autorin nicht nur gefeiert. Es gibt da diesen für Nachrufe typischen versöhnlichen Ton, etwa wenn Thomas Steinfeld in der SÜDDEUTSCHEN zum Motiv der Auswanderung bei Gordimer schreibt:
"Dass auch dieser Weg eine Flucht ist, und eine prekäre dazu – das Wissen darum machte Nadine Gordimer nicht nur zu eine wichtigen, sondern auch zu einer bedeutenden Schriftstellerin."
Oder wenn Angela Schader in der NZZ feststellt:
"Die literarische Freiheit, die sich ihr ebenfalls nobelpreis-gekrönter Landsmann John M. Coetzee im Umgang mit den südafrikanischen Verhältnissen erschrieben hatte, hat Nadine Gordimer nur selten erlangt; aber als Chronistin der intimen, der verstörenden und einmaligen Geschichte ihres Landes wird sie ihresgleichen nicht finden.“
Marko Martin meint in der WELT:
"Allein schon die rasanten Zickzack-Perspektiven und eine geradezu unheimliche Beobachtungsgenauigkeit verhinderten die Nähe zu wohlmeinender Erbauungsliteratur.“
Der Nachruf ist im Feuilleton die Schwelle vom Leben zur Erinnerung. Oder aber, wie es Helmut Schödel in der SÜDDEUTSCHEN in seinem Nachruf auf Gert Voss schreibt:
"Es gehört zur Natur von Nachrufen, dass sie schnell verhallen. Mit ihnen beginnt das sture Vergessen.“