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Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.07.2019

Aus den FeuilletonsEchte Liebe rettet das Klima

Von Gregor Sander

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Älteres Paar steht glücklich lachend auf einer grünen Wiese vor blauem Himmel  (imago images / Panthermedia / Kzenon)
Kann nicht nur glücklich machen, sondern auch das Klima retten: die Liebe in der echten Welt. (imago images / Panthermedia / Kzenon)

Die "Welt" berichtet, dass weltweit durch Online-Pornografie so viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt wird, wie zum Beispiel in ganz Rumänien. So kann durch Verzicht nicht nur die reale Liebe vorangebracht, sondern auch das Klima gerettet werden.

Das Leben kann so einfach sein, wenn man es durch Slavoi Žižeks Augen betrachtet: "Nie gab es so wenige Kriege, selbst in den Ländern der Dritten Welt geht die Armut zurück, das Leben wird genauso weitergehen wie bisher, und für die meisten von uns wird es sogar besser werden", prophezeit er einfach mal im Aufmacher der Tageszeitung DIE WELT, um ein paar Zeilen weiter die Linken in die Schämt-Euch-Ecke zu stellen: "Die einzige Überlebenschance für die radikale Linke und ihre Vision der Notwendigkeit eines radikalen Wandels besteht darin, eine neue apokalyptische Bedrohung heraufzubeschwören."

Und da es ja allen prima geht, mache die radikale Linke jetzt eben auf Öko. Oder wie Žižeks es ausdrückt: "Die Klimaschutzbewegung von heute ist wie eine Melone (außen grün, innen rot). Um ein Minimum an Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten, muss jede schlechte Neuigkeit als Indiz für die bevorstehende Katastrophe gelesen werden: hier ein schmelzender Gletscher, da ein Tornado, eine Hitzewelle irgendwo auf der Welt."

Die Rechtsaußen bekommen vom Lieblingsphilosophen der WELT allerdings auf ähnliche Weise ihr Fett weg: "Hier eine Vergewaltigung durch einen Einwanderer, da eine Schlägerei unter ihnen, all das wird als Zeichen einer bevorstehenden Katastrophe gewertet … Kurz gesagt: Die neue Rechte hat ihre eigene apokalyptische Vision", so Žižek, und warum das so ist, erklärt er sich einfach mit Sigmund Freud: "Etwas in uns widersetzt sich einem Zuviel des Glücks, und unser größter Genuss ist auf die eine oder andere Art und Weise stets mit Schmerz verbunden."

Trump zurück in die Pfalz?

Da macht es sich die TAZ schon schwerer. Ursache dafür ist mal wieder Donald Trump, der per Twitter fragte, warum bestimmte demokratische Abgeordnete nicht "dahin zurückgehen, wo sie herkommen". 

"Daraufhin erklärten die (deutschen) Zeitungen umgehend: Drei der vier gemeinten Demokratinnen 'mit MIGRATIONSHINTERGRUND' seien doch in den USA geboren!", schreibt Helena Werhan in der TAZ. Aber: "In Deutschland werden so häufig Menschen genannt, die nicht weiß sind", so Werhan. "In den USA, wo bis auf die Ureinwohner*innen alle einen Migrationshintergrund haben, ist der Begriff völlig unsinnig."

Stimmt, denn selbst Donald Trump hat ja einen Migrationshintergrund und könnte zur Not in die Pfalz zurückkehren, falls es ihm in Amerika mal nicht mehr gefällt oder ihn eine zukünftige dunkelhäutige  demokratische Präsidentin dazu auffordert.

Die legendären Tierfilmer mit dem Tarnumhang

Das Leben kann schon schwierig sein, es sei denn es wird im Computer hergestellt, wie Tobias Kniebe in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG schwärmt:

"Man muss sich selbst immer wieder daran erinnern: All diese sehr konkreten, plastischen, sinnlichen, beinah greifbar wirkenden Dinge, die man in dieser neuen Version von Disneys 'König der Löwen' bestaunen kann, haben tatsächlich nirgendwo auf der Welt existiert, weder in Afrika noch anderswo."

Die Geschichte vom zukünftigen Löwenkönig Simba und seinem bösen Onkel Scar klingt auch in dieser animierten Version nicht schlauer, ist aber offensichtlich ein Sehgenuss:

"Es ist, als hätten Bernhard Grzimek, David Attenborough oder Alastair Fothergill, die legendären Tierfilmer, endlich den Tarnumhang ihrer Träume ersonnen, mit dem sie sich unsichtbar und unhörbar in die Herden und Rudel hineinbegeben können", schwärmt Kniebe und Fridtjof Küchemann von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG fügt hinzu:

"Tatsächlich wäre man angesichts der Zeit, die sich der Film für possierliche Szenen jenseits der Handlung lässt, und auch in vielen Spannungsmomenten nicht überrascht, eine tiefe, besonnene Stimme aus dem Off von Raub- und Beutetieren sprechen zu hören."

Keine Pornos, aus ökologischen Gründen

Wieviel Kohlenstoffdioxid diese computeranimierten Tiere verbraucht haben, ist in keiner Kritik zu lesen. Dafür warnt Henryk M. Broder von der WELT aus rein ökologischen Gründen vor folgenden Filmen.

"Ein Thinktank namens The Shift Project hat ausgerechnet, dass 'durch Online-Pornografie weltweit so viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt (wird) wie in Rumänien'".

Wir raten daher, nicht nur aus rein ökologischen Gründen, zur realen Liebe.

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