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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 02.05.2014

Aus den FeuilletonsDoku-Drama über fülligen Wurstverkäufer

Von mutigen ZDF-Projekten, einfallsreichen Neologismen und einem windgepeitschten Monstrum

Von Paul Stänner

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Der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, am vierten Verhandlungstag im Landgericht München. (picture alliance / dpa / Christof Stache)
Der Steuerhinterzieher Uli Hoeneß, Ex-Präsident des FC Bayern München (picture alliance / dpa / Christof Stache)

Unser Experte fürs deutsche Feuilleton widmet sich heute nicht nur den Zeitungen, sondern wagt auch einen Blick ins öffentlich-rechtliche Fernsehen - von Hoeneß bis Depardieu, von Friesland bis Aserbeidschan.

Dem FC-Bayern München geht es schlecht: Kaum muss Ex-Präsident Hoeneß in Haft, wird die Mannschaft im Akkord verdroschen, der Zusammenhang ist allzu offensichtlich. Da hat das ZWEITE DEUTSCHE ein mitleidiges Einsehen: Eine Meldung besagt, das ZDF stehe in Verhandlungen, um die Geschichte von Uli Hoeneß zu verfilmen. Es wird ein Doku-Drama - also nicht einfach ein faktenhuberischer Dokumentarfilm, sondern ein Drama soll die Herzen der Steuerzahler bewegen, eben jene, die Hoeneß übers Ohr gehauen hat. Was wir als Steuer- und ZDF-Gebührenzahler mit Erstaunen lesen.

Der Berliner TAGESSPIEGEL vermeldet, Monaco „boykottiere" das Filmfest in Cannes. Dort läuft ein Streifen über Grace Kelly alias Fürstin Gracia Patricia. Man wolle mit diesem Film nicht in Verbindung gebracht werden. In der WELT ist das Fürstenhaus schon so weit, dass es den Grace-Kelly-Film „hasst", während die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG bereits eine „Palastrevolte" ankündigt. Der Leser ist verblüfft, wie eine Sache dermaßen eskalieren kann, nur weil er eine neue Zeitung liest.

Wir hier haben ganz andere Probleme: In der WELT hat Matthias Heine Verständnis für den Vorschlag der Berliner Professorin Lann Hornscheidt, die – wegen der vielen Geschlechter, die es mittlerweile gibt, vorgeschlagen hat, in Zukunft zum Beispiel einen Professor als Profess-x bezeichnen, um eine geschlechtsneutrale Formel  zu verwenden. Heine verschweigt nicht, dass in seinen Augen Gender Studies – Zitat – „pseudowissenschaftlicher Unfug" sind, aber er hält der Professx zugute, dass Sprache sich den Wünschen der Nutzer anpasst – so verschwand das diskriminierende Wort  „Lehrling" aus der Alltagsprache, obwohl man Schwierigkeiten habe, sich Goethes Ballade als „Der Zauberauszubildende" vorzustellen. Heine bezweifelt, ob es – Zitat – „außerhalb Berlins und des Spinner-Auffangbeckens Humboldt-Uni wirklich so ein dringendes Bedürfnis nach sprachlicher Gender-Optimierung gibt".

Zurück zum Film, da ist alles einfacher: Der NDR hat eine neue Krimireihe aus Friesland. Dort kann es gern etwas volksnah zugehen, wie man so sagt, wenn das Niveau in schwere See gerät. Der TAGESSPIEGEL zitiert zum Beweis den Scherz, dass ein Mann einen Posaunisten fragt, ob er ihm zum Dienstjubiläum einen blasen könne, - wir lachen uns schlapp, um im Bild zu bleiben - und fährt dann fort - Zitat - : „Dieser Schauplatz lädt ... zum Witzereißen förmlich ein, die Autoren haben herzhaft zugegriffen. Apothekerin Insa ist der personifizierte Blondinenwitz und zugleich seine Antithese" – woraus wir schließen: Der Film ist intellektuellentauglich.

Gérard Depardieu in BakuSchauspieler Gérard Depardieu (picture alliance / dpa / Philippe Renault)Schauspieler Gérard Depardieu (picture alliance / dpa / Philippe Renault)

Wir Intellektuellen schwenken wie gewohnt zu ARTE und sehen den dicken Gérard Depardieu. Der reist auf den Spuren von Alexandre Dumas bzw. seinem Reisebuch von 1858 durch Aserbeidschan. Die FAZ sieht in dem Film einen epischen Werbespot für das autokratisch regierte Aserbeidschan – aber: „Depardieu reißt die Handlung an sich, er bringt den phänomenalen Dichter zum Leben" und sie wünscht, die Zuschauer möchten sich diese Passagen im französischen Original anhören. Am Ende schwärmt sie: „In der exotischen Kulisse des Kaukasus verwandelt sich das Monstrum in einen Menschen, der in Aserbaidschan heimisch geworden und dem Zuschauer bei Arte sympathisch wird". – na schön, stilistisch war das weit weg vom „phänomenalen Dichter", aber man versteht die Botschaft, nämlich: Das ewig mampfende Monstrum Depardieu wird Mensch.

Auch die SÜDDEUTSCHE ist zwiespältig begeistert: da zieht Depardieu durch Baku – Zitat – „was so viel heißt wie „die Windgepeitschte", aber was da keucht, ist nur Depardieu, ...was angesichts seiner Körpermasse wiederum kein Wunder ist, und dann...ja dann ist man dem spröden Charme dieses kleinen Dokumentarfilms bereits erlegen." Vielleicht schauen die ZDF-Redakteure heute Abend ARTE, bevor sie sich an ein Doku-Drama machen über Uli Hoeneß, den fülligen Wurstverkäufer.

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