Aus den Feuilletons

Dirigieren mit Putin

Der Intendant Waleri Gergijew dirigiert das Orchester des Mariinski-Theaters im russischen St. Petersburg.
Waleri Gergijew soll nach München kommen. © picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexei Danichev
Von Gregor Sander · 19.03.2014
Sowohl in "SZ" als auch in der "Zeit" sorgt man sich um eine Personalie: Der designierte Chefdirigent der Münchner Philharmoniker verehrt Putin. Die "Zeit" war zudem mit Thilo Sarrazin spazieren und die "FAZ" verabschiedet Ottfried Fischer.
Es könnte sein, dass Wladimir Putin den Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker bestimmt. Zumindest indirekt:
"In einem Jahr soll der Dirigent Valery Gergiev die Münchner Philharmoniker übernehmen. Aber er verehrt Putin. Ist das ein Kündigungsgrund?,"fragt Reinhard Brembeck in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und bescheinigt dem 60-jährigen Russen eine eindeutige politische Haltung:
"Er hat Putin im Wahlkampf bei seinem Kaukasus-Feldzug dirigierend unterstützt, hat Putins Antischwulengesetz zumindest bagatellisiert, bei der Eröffnung von Putins-Olympia-Show mitgemacht und sich gerade in einem offenen Brief hinter Putins Krim-Politik gestellt."
SZ rät zur Besonnenheit
Immer lauter werden die Stimmen in München, die Gergiev verhindern wollen, doch Brembeck rät in der SZ zur Besonnenheit:
"Gergiev hat nichts anderes getan, als was er seit Jahren tut, und er hat nichts Schlimmeres getan, als von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch zu machen. Wer das unerträglich findet, kann seinerseits von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machen und dagegen auf die Straße gehen, Leserbriefe schreiben oder im Netz gegen Gergiev mobil machen."
In der Wochenzeitung DIE ZEIT beklagt Adam Soboczynski die psychologische Deutung Putins in deutschen Zeitungen. "Er sei eben ein »einsamer Mensch«, heißt es im Focus, umgeben von »Höflingen und Claqueuren«," zitiert Soboczynski und fügt hinzu:
"Westliche Politiker missverstünden Putin, heißt es wiederum in der FAS, wenn sie meinten, er sei pragmatisch und ein »guter Stratege«, vielmehr herrsche in seinem Oberstübchen »der blanke Wahnsinn«."
Da dies alles Ferndiagnosen seien, so Soboczynski, rate er zu längst vergriffenen Autobiografie Putins mit dem Titel "Aus erster Hand". Erschienen im Jahr 2000. Bereits auf Seite 15 findet der ZEIT-Autor die für ihn entscheidende Passage:
"Ich glaube, dass im Krieg immer viele Fehler gemacht werden. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber wenn man Krieg führt und darüber nachdenkt, dass um einen herum alle Fehler machen, dann wird man niemals siegen. Man muss dazu eine pragmatische Einstellung gewinnen. Und man muss den Sieg im Kopf haben."
Spaziergang mit Sarrazin
Über seine Gefühlswelt äußert sich Putin im Übrigen auch in diesem Buch nicht. Das hat er mit Thilo Sarrazin gemeinsam, den die ZEIT auf einen Spaziergang im Berliner Westend geschickt hat und der seinem Spaziergangspartner, Moritz von Uslar, schon am Telefon anschnarrt: "Wenn Sie mich nach meinen Gefühlen fragen, wird das von mir weggebürstet."
Während die beiden gepflasterte Alleen entlangschreiten und Sarrazin seine Sarrazinsätze sagt, erwischt es von Uslar:
"Plötzlich bekommt der Reporter, zwischen den lichtdurchfluteten Kiefern im Berliner Westend stehend, einen richtiggehenden Lachanfall – es klingt alles so comicmäßig lustig und übertrieben, was Sarrazin da über den Leistungsunwillen und die Leistungsunfähigkeit muslimischer Schüler erzählt: »Richtig ist, dass das spezifisch muslimische Männlichkeitsritual einer vernünftigen Lernhaltung im Wege steht.« Eine Szene aus dem grotesken Theater: Wenn Sarrazin da über muslimische Schüler schwadroniert, dann spricht, Entschuldigung, doch längst kein streitbarer Autor mehr, es spricht ein Spaßvogel."
Einen echten Spaßvogel verabschiedet Heiko Hupertz in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Ottfried Fischer, dessen Pfarrer Braun am Donnerstag zum letzten Mal im Fernsehen läuft:
"Wer die Reihe nie gesehen hat, sollte es spätestens jetzt tun: Ein solches Format gibt’s nicht wieder und einen würdigeren Abgang auch nicht,"meint Hupertz. Eine Parkinsonerkrankung hindere Fischer daran, den kriminalistisch ermittelnden Pfarrer weiter zu spielen:
"Das deutliche Sprechen ist eine unendlich schwere Aufgabe, die Mimik wird sparsamer, Bewegungen verlangsamen sich. Unter diesen Umständen, man kann es sich nicht anders vorstellen, wird das Schauspielern zum Willensakt."
Trotzdem, so stellt Hupertz in der FAZ fest: "Eine Serie mit Herzblut. Oder um es mit Ottfried Fischers Worten zu sagen: 'Aus is’, gar is’, schad’, dass’ wahr is’."