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Kulturpresseschau | Beitrag vom 15.07.2020

Aus den FeuilletonsDie Mutter aller Tweets wird 150

Von Ulrike Timm

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Ein Postkartenständer in Paris. (imago images / blickwinkel / M. Begsteiger )
Die elektronischen Medien bedrohen die Ansichtskarte, bedauert die "Süddeutsche Zeitung". (imago images / blickwinkel / M. Begsteiger )

Die Ansichtskarte feiert ihren 150. Geburtstag und die "Süddeutsche" gratuliert. Stilecht mit einer Postkarte. Rührend! Doch Whatsapp-Grüße, Tweets und Instagram-Storys sind so viel schneller - und machen der eigenen Mutter, fürchtet die SZ, den Garaus.

Heute hat die Kulturpressebeschauerin sofort ein Lieblingswort, "Sozialdigitalpop", leuchtet es uns von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG entgegen. Bitte einmal aufschreiben und angucken: "Sozialdigitalpop" – sieht wirklich toll aus! Was steckt dahinter? Nicht viel Neues eigentlich, es geht darum, wie sich die Vermarktung von Musik durch die sozialen Medien verändert.

Wenn die sogenannten Influencer gezielt und geschickt Musik verbreiten, können für sie selbst dabei mehrere Tausend Euro rausspringen – oder aber auch nichts, das weiß man vorher nicht so genau. Das Prinzip ist uralt:

"Leute haben Musik oder einen Künstler in den Köpfen und sprechen dann darüber. Der Unterschied ist vielleicht, dass wir früher nur die Ergebnisse in Form von Verkaufszahlen gesehen haben; und jetzt sehen wir die ganzen Details in den Kommunikationen der sozialdigitalen Welt dahinter."

Ach so. Aber "Sozialdigitalpop", das macht schon was her, oder?

In solchen Strukturen lässt sich schwer denken

Stiftung Preußischer Kulturbesitz Staatliche Museen zu Berlin - das macht nicht so viel her, das kann keiner sprechen, sich merken, und in solchen Strukturen lässt sich auch schwer denken. Der Wissenschaftsrat hat die Struktur der Stiftung zerpflückt und u.a. mehr Publikumswirksamkeit angemahnt, zu realisieren sei das aber nur durch die Auflösung des Ungetüms und den Einsatz von ordentlich viel Geld.

"Reformhäuser" titelt die ZEIT und stellt zugleich klar, dass das aufsehenerregende Gutachten viele wichtige Fragen stellt, sich mit Lösungsangeboten jedoch sehr zurückhält.

"Was genau sollen die Museen zukünftig in Berlin leisten? Soll der Schwerpunkt auf Ausstellungen liegen oder auf der Forschung samt globaler Vernetzung? Soll Budget-Konkurrenz unter den Museen herrschen? Sollen sie ganz selbständig agieren oder koordinieren? Das sind jetzt die Fragen, die eher durch eine gesellschaftliche und politische Debatte beantwortet werden, weniger durch Gremienbeschlüsse", lesen wir in der ZEIT.

Da in der Gemengelage die Länder jede Menge mitzureden haben, wird die strukturelle Entwirrung samt angemessener Ausstattung – nun sagen wir: verzwickt.

Kinobetreiber hoffen auf weitere Lockerungen

"Ausverkauft mit leeren Plätzen – rechnet sich das?" Der TAGESSPIEGEL fragt nach dem Neustart der Kinos nach der Corona-Pause. Zwar sind Kinos im Sommer stets weniger ausgelastet, aber jetzt liegt man noch ein gutes Drittel unter dem üblichen Schnitt. Nicht mal so schlecht wie befürchtet, "tapfere Zahlen" werden durchaus gemeldet, aber das reicht eben nicht.

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"Vor allem hoffen die Kinobetreiber auf weitere Lockerungen bei den Abstandsvorgaben. Wegen der 1,50 Meter Distanz müssen derzeit zwei Plätze zwischen den Besuchern frei bleiben. Und höchstens jede zweite Reihe kann überhaupt genutzt werden. In Österreich, Frankreich und der Schweiz genügen längst ein Meter Abstand", betont der TAGESSPIEGEL.

Der Ansichtskarte droht das Aus

Ebensolche Regeln bei uns würden nicht nur den Kinos helfen, sondern auch den Theatern, Konzerthäusern, den Orchestern und Ensembles überhaupt, fügen wir noch an. Und schauen noch einmal in die Süddeutsche Zeitung, deren "Sozialdigitalpop" uns anfangs ins Auge und ins Ohr fiel. Direkt darüber findet sich nämlich die Gratulation an eine herrlich altmodische Institution: die Ansichtskarte kann ihren 150. Geburtstag feiern!

Die SÜDDEUTSCHE huldigt und schreibt der Postkarte eine rührende Postkarte:

"Wer hätte das gedacht von so einem Winzling von Druckerzeugnis, noch dazu einem so schamlos unverhüllten, offen lesbar für alle. Diese 'unanständige Form der Mitteilung' wurde anfangs noch inkriminiert, dabei bist Du, wie wir heute wissen, die Mutter aller Whatsapp-Grüße, Tweets und Instagram-Storys. Dass die elektronischen Medien mit ihrer superschnellen Bild-Text-Übermittlung Dir den Garaus zu machen drohen, ist bitter."

Vielleicht, so überlegen wir, sollte mal ein findiger Influencer ein wenig Sozialdigitalpopmarketing für die analoge Ansichtskarte machen!

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