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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.09.2020

Aus den FeuilletonsDie heile Welt der coronafreien "Tatorte"

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Vier Schauspieler proben bei Dreharbeiten zur Krimi-Serie "Tatort" eine Szene in einem Bauernhof. (dpa/ Uwe Anspach)
Na sowas! Von Abstand und Masken keine Spur bei "Tatort"-Dreharbeiten. Aber dieser hier mit Ulrike Folkerts entstand bereits im März 2019. Zu sehen ist er allerdings erst jetzt, in Coronazeiten. (dpa/ Uwe Anspach)

Kein Mindestabstand, keine Masken – so sieht im Moment die "Tatort"-Welt im Fernsehen aus. In gewisser Weise heil, aber eben auch veraltet, schreibt die "Welt": Das Coronavirus wird es dann erst nächstes Jahr im "Tatort" zu sehen geben.

Die Geschichte ist 433 Jahre her, und für amerikanische Verhältnisse ist das ziemlich lang. Deswegen ist auch vieles unsicher, was bisher über jene 118 Engländer erzählt wurde, die 1587 die Insel Roanoke vor der Ostküste der späteren Vereinigten Staaten kolonisieren wollten. Man weiß nur: sie kamen an, und als ihr Chef, der nach England zurückfuhr, um Sachen zu holen, drei Jahre später wiederkam, waren seine Leute verschwunden: 89 Männer, 17 Frauen und elf Kinder.

Jetzt ist diese alte Geschichte, wie Frauke Steffens in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG berichtet, wieder ein großes Thema in den USA: Es erscheinen Bücher und Zeitungsartikel, Historiker melden sich zu Wort, und das Team um den englischen Archäologen Mark Horton von der Universität Bristol ist bei seinen Grabungen auf viele Gegenstände gestoßen, die auf ein Zusammenleben der englischen Siedler mit den Ureinwohnern hindeuteten, darunter Werkzeuge ebenso wie Schmuck. Englische Waffen hätten sich in derselben Erdschicht gefunden wie indianische Töpferwaren.

Migration und Integration vom Feinsten?

Die Schlussfolgerungen, die manche Wissenschaftler daraus ziehen, klingen wie ein schönes Märchen: Die verschollenen Siedler wurden demnach nicht von Indianern getötet, sondern haben sich mit ihnen angefreundet und vermischt und sich auf eine Nachbarinsel verdrückt – Migration und Integration vom Feinsten.

Aber Zweifel sind auch jetzt noch erlaubt: Dass Gegenstände von Ureinwohnerkulturen und von Kolonisten nah beieinander gefunden würden, müsse nach Jahrhunderten der Koexistenz noch kein Beleg dafür sein, dass die "verschwundenen Siedler" tatsächlich mit dem indigenen Stamm lebten, erklärte etwa der Archäologe Dennis Blanton von der James-Madison-Universität.

Corona in der Kunst

Also bleibt nach der Lektüre des FAZ-Artikels mal wieder nichts als Unsicherheit – genauso wie angesichts der Mutmaßungen, die Nicolas Freund in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über die Folgen der Coronapandemie in der Kunst anstellt. Wohlgemerkt: nicht für die Kunst, also im Sinne von: abgesagte Veranstaltungen, existenzbedrohte Künstler und so weiter, sondern inhaltlich. Wird man der Kunst die Pandemie später anmerken?

So interessant die Frage ist, so vage bleiben die Spekulationen darüber. Erwähnt wird Lola Randls neuer Roman, in dem die Erzählerin festhält, wie es sich anfühlt, vom Coronavirus befallen zu sein. Aber als Beleg für den Satz: Die Literatur tastet nach der richtigen Sprache – erscheint das etwas dünn.

Genauso wie zahlreiche weitere Binsenweisheiten dieses Artikels, etwa die: Vielleicht läßt sich an Kunstwerken eines Tages ablesen, ob sie während der Pandemie entstanden sind oder nicht. Aber sicher ist das nicht.

Längst abgedreht

DIE WELT hingegen beschäftigt sich mit einer Kunstform (sofern es gestattet ist, den "Tatort"-Krimi als Kunstform zu bezeichnen), der man anmerkt, dass sie garantiert nicht während der Pandemie entstanden ist. Das liegt natürlich daran, dass die Folgen, die jetzt, nach dem Ende der wiederholungsintensiven Sommerpause, als neue gezeigt werden, vor einem Jahr gedreht worden sind.

Abstand gehalten wird natürlich gar nicht. Verhöre finden einfach so statt, schreibt Elmar Krekeler in der WELT und bemängelt, dass Masken – inzwischen in Kommissariaten und Polizeirevieren Pflicht wie in allen anderen öffentlichen Einrichtungen – da einfach nicht getragen werden.

Der "Tatort", gern als Botanisiertrommel der deutsch-österreich-schweizerischen Gegenwart verstanden, als Gesellschaftsspiegel, bekommt zum eigentlich ersten Mal seine Anfälligkeit gegen die Zeitläufte zu spüren, stellt Krekeler fest. Wir sind jedenfalls gespannt, wie es aussieht, wenn Corona nächstes Jahr im "Tatort" Einzug hält. Ob dann Mordopfer, die zufällig auch das Virus im Blut haben, als "Corona-Tote" in die amtliche Statistik eingetragen werden. So ist es nämlich derzeit in der Realität.

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