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Kulturpresseschau | Beitrag vom 14.04.2021

Aus den FeuilletonsDie Geschichte hinter dem Sofagate

Von Klaus Pokatzky

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, EU-Ratspräsident Charles Michel und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bei einem Empfang in Istanbul. (imago-images / Xinhua / Mustafa Kaya)
Für EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte der türkische Präsident Erdogan in Istanbul nur einen Platz am Rande vorgesehen. (imago-images / Xinhua / Mustafa Kaya)

"Hinter dem Sofa steckt die eigentliche Geschichte", schreibt "Die Zeit": Eine mächtige Frau, Ursula von der Leyen, habe dem türkischen Präsidenten nämlich sachlich die Istanbul-Konvention zur Gleichstellung der Geschlechter in Erinnerung gerufen.

"Wichtigste Frage zuerst", kommt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG beim Interview mit einer Leseratte gleich zur Sache: "Manche Leute sortieren ihre Bücher im Regal nach dem Alphabet, andere nach Farbe, und so weiter. Wie machen Sie das?"

Michael Stipe, einst Sänger bei der amerikanischen Rockband R.E.M., antwortet: "Alphabetisch ist Quatsch. Kunst steht zusammen, Wissenschaft auch." Kluger Mann. Nachdem sich seine Band vor zehn Jahren aufgelöst hat, arbeitet er als Fotograf und Buchkünstler.

"Am Ende überleben nicht unbedingt die Stärksten, sondern die, die sich am cleversten an neue Gegebenheiten anpassen", sagt er in seiner New Yorker Wohnung über die Coronazeiten. "Ein künstlerischer Sinn ist das nicht direkt, aber eine große Erkenntnis."

Weibliche Gelassenheit als Antwort auf patriarchales Verhalten

Früher oder später landet heute einfach fast jedes Interview bei der schrecklichen Pandemie. "Gelegentlich weist ein Sofa auf etwas hin", führt uns da die Wochenzeitung DIE ZEIT hoffentlich zu freundlichen Themen.

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"Man sieht ein Sofa, spricht über ein Sofa, doch hinter dem Sofa steckt die eigentliche Geschichte, die plötzlich hervortritt", schreibt Elisabeth von Thadden - und zieht uns dann gleich den Zahn von vermeintlicher Freundlichkeit:

"Als nun in Ankara die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, bei ihrem Staatsbesuch zierlich vor einem Sofa stehend, vernehmlich 'Äähm' sagte, weil zwei Herren sich bereits auf die beiden einzigen Stühle gesetzt hatten, war sie schon älter, nämlich 62. Ein Alter, in dem manch eine im Bus einen Platz angeboten bekommt." Aber die herrschaftlichen Thronstühle reserviert ein Recep Tayyip Erdogan dann doch nur für Männer wie Ursula von der Leyens Begleiter, den EU-Ratspräsidenten Charles Michel.

"Hinter dem Sofagate-Sofa aber trat plötzlich die eigentlich bemerkenswerte Geschichte hervor", schildert Elisabeth von Thadden weibliche Gelassenheit in dieser Situation: wie "heute eine mächtige 62-jährige Frau im Namen Europas einem Autokraten sachlich die Istanbul-Konvention in Erinnerung rufen kann, also jenen völkerrechtlichen Vertrag von 2011 zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen und zur Gleichstellung der Geschlechter, aus dem die Türkei gerade ausgetreten ist."

So sind starke Frauen eben. Und manchmal schaffen sie es sogar, ihre Söhne zu höflichen Zeitgenossen zu erziehen: mit viel Geduld.

Der Sofortismus der Berliner Republik

"Abwarten zu können in der Politik, das muss man sich erst hart erarbeiten", lesen wir in CHRIST UND WELT, der Beilage der ZEIT. "Nicht jeder kann sich das politisch leisten", findet Karl-Rudolf Korte. "Im Babylon Berlin zählt jede Minute. Dem Sofortismus der Berliner Republik kann sich kaum ein Akteur entziehen." Ganz Berlin? Nein! Eine unbeugsame Angela hört nicht auf, dem Sofortismus Widerstand zu leisten.

"Abwarten könnte aber auch Nachdenken heißen", rät der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte. "Nachdenken nutzt prinzipiell die Ressource Wissen. Das kann nicht schlecht sein - gerade in Zeiten, in denen Corona-Politik unter extremen Bedingungen von Unsicherheit zu erfolgen hat."

Und damit sind wir auch jetzt wieder beim unfreundlichsten Thema. "Oft lese ich, dass von der Solidarität der Anfangszeit der Pandemie nicht viel übrig geblieben ist", steht in CHRIST UND WELT.

"Stimmt nicht", meint die evangelische Regionalbischöfin Petra Bahr. "Die Sorge für andere, nicht nur für die Allernächsten, ist wie ein unsichtbares Band, das kreuz und quer durch die Familien, Freundeskreise, Nachbarschaften, Kollegien führt."

Gute Erziehung hilft da - von geduldigen Müttern.

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