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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 19.11.2018

Aus den FeuilletonsDie blutige Spur des Wolfs

Von Hans von Trotha

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Ein Kind berührt in einem Museum einen ausgestopften Wolf (imago stock&people)
Ein Kind berührt in einem Museum einen ausgestopften Wolf (imago stock&people)

Den Wolf und seine Rolle im Straßenverkehr diskutiert endlich auch das Feuilleton. Denn das Tier zog seine blutige Spur lange genug nur durch die Lokalspalten. Die "taz" interpretiert nun literaturkundig: Was früher der böse Wolf mit Rotkäppchen tat, macht heute das Auto.

Wir müssen lernen, uns zu arrangieren. Mit anderen Meinungen, mit Algorithmen, mit Wiesenten und Wölfen. Und, wie es aussieht, auch mit "Feuilletondeutsch".

Svantje Karich positioniert sich in der WELT in dem Fall der Betreiberin der "Goldenen Bar" im Haus der Kunst in München, die die AfD Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag aus ihrem Restaurant verwiesen hat. – Nach dem Motto "Was ist ein Haus- gegen einen Landesverweis?" – "Niemand", so Karich, "stellt in Frage, dass Botschaften der Courage wichtig sind. Doch nun fällt der ideologischen Gegenseite der AfD nichts besseres ein, als ein Verbot auszusprechen?" -  "Dabei", schiebt sie  nach, "klingt die Gegenüberstellung wie ein ins Feuilletondeutsch übersetzter Kinderstreit, der meist mit hartnäckiger Vermittlung zu schlichten ist und nicht mit Trennung: Du hast dies getan, also tue ich dies."

Falsche Schlüsse aus falschen Quellen

Davon, dass solche vermeintlich einfachen Streits sich beträchtlich ausweiten können, berichtet in der NZZ Marc Neumann und erkennt dabei ein "Zurück ins Zeitalter des Stammesdenkens": "Die heutige Jugend zieht aus Social Media die falschen Schlüsse. Ihre Verletzlichkeit macht Schule, ihre Intoleranz schlägt in Zensur um."

Die Rede ist von "einer tribal gesteuerten Intoleranz …, die sich … an US-Universitäten manifestiert. … In einer Variation der Political-Correctness-Bewegung erschallt insbesondere an geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Ruf nach Kontrolle – bis hin zur Zensur – ", berichtet Neumann. Er zitiert den Moralpsychologen Jonathan Haidt, der meint: "Bis zu einem gewissen Maß ist Gruppenorganisation nach Stammesprinzipien und identitätspolitischen Grundsätzen gemäss … Aber anstatt vernunftgeleitete Brücken zwischen den Stämmen zu bauen, verschärften soziale Netzwerke den Tribalismus."

Kritisch gegenüber selbstlernenden Maschinen

In der FAZ identifiziert Manuela Lenzen eine ganz andere Falle des Computerzeitalters: "Müssen wir den Entscheidungen selbstlernender Maschinen blind vertrauen?" Hoffnung immerhin macht die Aussage eines Gutachters: "Man kann Algorithmen ebenso testen, wie man Kaffeemaschinen und Autos testet". Andererseits stellt Lenzen fest: "Recht schnell ist das Gutachten mit der Frage fertig, warum überhaupt Maschinen über Menschen urteilen." Zitat: "Die Frage nach der Rolle der Maschinen ist berechtigt, aber in der Praxis wird es nun einmal gemacht, und zwar in immer mehr Bereichen". - Wird nun mal so gemacht. Ist halt so: "In immer mehr Bereichen." Also arrangiert euch halt!

Auch mit den Wiesenten, bitte. Die identifiziert Heiko Werning in der taz gleichzeitig als "Die neuen Wölfe" und "als weiteres Opfer des Ersten Weltkriegs": "Früher", so Werning, "als die Welt noch in Ordnung war und Alexander Gaulands Vorväter noch ungestört durch preußische Wälder ziehen konnten, hatten sie gute Chancen, auf ein Wisent zu treffen." Jedoch: "Die letzten Bestände wurden nach dem Krieg von verirrten Soldaten und der verelendeten Bevölkerung als Fleischauslage betrachtet."

Das große Elend mit dem Wolf

Inzwischen konnte durch Auswilderung eine neue Population aufgebaut werden. "Irre", findet Werning, was dann passiert ist – und spricht in der Sache klares Feuilletondeutsch: "Wir erwarten", schreibt er, "dass in Afrika und Asien Tiger, Krokodile und Elefanten gefälligst geschützt werden, während wir in Deutschland schon mit knapp 20 Wisenten überfordert sind." Am vergangenen Freitag habe "der Bundesgerichtshof darüber zu befinden gehabt, ob die Waldbesitzer es hinnehmen müssen, dass die Tiere auch mal an ihren Bäumen nagen und irgendwie Unordnung in den aufgeräumten deutschen Wald bringen. … Es (sei) dasselbe Elend wie mit dem Wolf. Millionen von Schafen werden Jahr für Jahr geschlachtet, aber bei ein paar hundert von Wildtieren gerissenen Exemplaren bricht Hysterie aus. Ganz zu schweigen von der Gefahr für die Bevölkerung! Sicher, theoretisch könnte ein Wolf auch mal einen Menschen anfallen", reflektiert Werning weiter, "Rotkäppchen lässt grüßen. Wie man das den Eltern eines getöteten Kindes erklären wolle, fragen die besorgten Wolfsbürger dann stets. Ja, das wäre schwierig." Und dann setzt Werning nach: "Fragen Sie mal diejenigen, die den Tausenden von Eltern den Tod ihres Kindes im Straßenverkehr beibringen mussten. Ein Abschuss von Autos steht deswegen erstaunlicherweise immer noch nicht zur Debatte."

Vielleicht sollte sich jeder für sich selbst jenseits von "tribal gesteuerter Intoleranz", feuilletondeutscher Zuspitzung und aller Hysterie einfach mal für sich überlegen, womit er sich arrangieren will. Und womit nicht.

Mehr zum Thema:

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