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Kulturpresseschau | Beitrag vom 24.02.2021

Aus den FeuilletonsDie Bedeutung der sozialen Herkunft

Von Arno Orzessek

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Lidl- und Alditüten auf einer Bank. (imago / Steinach)
Der Begriff Klassismus solle "jegliche Schattenseite im Aktionsradius der Armut erfassen", schreibt die "Zeit". (imago / Steinach)

In der "Zeit" schreibt Martin Eimermacher über "Klassismus". Es sei interessant, dass wieder intensiver über die soziale Herkunft gesprochen werde, und das ausgerechnet mit dem Begriff der Klasse, der über Jahre "verdrängt und verpönt war".

"Völker, hört die Signale!", heißt es am Anfang des Refrains der "Internationale", jenem sozialistischen Arbeiterlied, dessen erste Zeilen so düster wie beseelt anheben: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde, / die stets man noch zum Hungern zwingt."

"Völker, hört die coolen Wörter!", titelt nun die Wochenzeitung DIE ZEIT. Und die Anspielung auf die "Internationale" kommt nicht von ungefähr, wie die Unterzeile verdeutlicht: "Wer aufgrund seiner sozialen Herkunft benachteiligt wird, gilt heute schnell als Opfer von ‚Klassismus‘. Was steckt dahinter?"

Auseinandersetzen mit sozialer Herkunft

Martin Eimermacher erklärt:

"Interessant ist zunächst einmal, dass wieder intensiv über soziale Herkunft geredet wird. Und das ausgerechnet mit dem Begriff der Klasse, der über Jahre vergessen, verdrängt, verpönt war! Genau wie seine Realität: Lange Zeit schafften es Geschichten vom unteren Ende der Gesellschaft allenfalls ins Privatfernsehen.

Jetzt aber scheint Klasse wieder ein Investment-Case zu sein, selbst für edle Literaturschmieden. Viele Werke, allen voran Rückkehr nach Reims von Didier Eribon, haben das Interesse am Leben und Leiden der Arbeiterschaft befeuert."

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Zwischenfrage unsererseits, als Arbeiterkind lose involviert: Und was soll der Begriff "Klassismus"? Antwort Eimermacher:

"Zahlreiche Abhandlungen präsentieren den Begriff als eine Art Betonverschalung, in die unterschiedliche Erfahrungen mit Armut gegossen werden können. Einmal ausgehärtet, ergeben sie einen Monolithen.

So wie Sexismus eben Herrenwitz, Gender-Pay-Gap und Femizide subsumiert, soll Klassismus jegliche Schattenseite im Aktionsradius der Armut erfassen: Gelächter über das Kind, das mit Aldi-Tüte statt mit Ranzen zur Schule kommen muss. Die Bezahlung für Berufe, die krumme Rücken und Altersarmut garantieren. Abschätzige Kommentare im Germanistikseminar, kennt man den Kanon nicht, weil die Arbeitereltern statt ihren Goethe nur Mahnungen gelesen haben."

So der ZEIT-Autor Martin Eimermacher.

Vom Leben in der "transclass"

Wir bleiben beim Thema und interessieren uns in der Wochenzeitung DER FREITAG für das Interview mit der Schriftstellerin Claudia Durastanti. Durastanti wurde in Brooklyn als Tochter gehörloser Eltern geboren, wuchs in der italienischen Provinz auf, studierte später in Rom und hat mit dem Roman "Die Fremde" aktuell großen Erfolg.

Ob sie jetzt den "Aufstieg ins bürgerliche Milieu" erlebe, möchte der FREITAG wissen. "Ja", meint Durastanti.

"Aber ich fühle mich manchmal wie eine Betrügerin, weil ich nie weiß, wo ich hingehöre. Diese Melancholie der Klasse hat Annie Ernaux in ihrem wunderbaren Buch Der Platz beschrieben. Sie war dem ärmeren Elternhaus entkommen, wurde Schriftstellerin und ist in diesem Zwischenort stecken geblieben, den manche transclass nennen.

In der intellektuellen Bourgeoisie Italiens wird stark betont, aus welcher Schicht man stammt. Meine Mutter war weder Bäuerin noch Proletarierin, sie stand noch unterhalb der Arbeiterklasse. Wir waren die ‚Lumpen.‘"

Jens Spahn und seine Villa

So Claudia Durastanti, die nicht den Eindruck macht, als wolle sie sich zum Opfer im Sinne des erwähnten Klassismus stilisieren. Was gewiss auch für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gilt. Man munkelt, seine frisch erworbene Villa in Berlin-Dahlem habe ein paar Milliönchen gekostet. Genaueres darf man aber nicht sagen, das Hamburger Landgericht hats verboten.

Über eine weitere Immobilie unseres immobilienbedürftigen Gesundheitsministers berichtet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Das Wichtigste steht gleich in der Unterzeile: "Jens Spahn kaufte eine Wohnung in Berlin, von einem ehemaligen Pharmamanager, dem er später einen Job verschaffte. Journalisten, die dazu recherchierten, hat der Minister offenbar ausforschen lassen."

Klingt übel, sagen wir. Ach ja! Falls Sie die Gedanken einer Frau anlässlich des Geschlechtsakts am Valentinstag nachlesen möchten, greifen Sie zur ZEIT. Antonia Baum beschreibt besagtes Vorkommnis in der Rubrik "Mein Leben als Frau" und endet so:

"In diesem Moment stöhnte Toni unter mir, es war vorbei. Er lächelte, ich lächelte zurück. Auch er wirkte erleichtert." Okay, das wars. Unser ursprünglich vorgesehenes Schlusswort passt jetzt allerdings nicht mehr so richtig. Darum haben wir es, mit einer Überschrift der SZ, "Eben mal gelöscht."

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