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Kulturpresseschau | Beitrag vom 19.05.2020

Aus den FeuilletonsDer wunderbare Geschmack des Tabaks

Von Gregor Sander

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Eine junge Frau mit lockigen braunen Haaren bläst Tabakrauch aus ihrem Mund. (Westend 61 / imago-images)
Wenn der Rauch frisch riechen sollte, ist er jetzt verboten. (Westend 61 / imago-images)

Die Unehrlichkeit der Mentholzigarette beschäftigt die "taz": Ihr Duft übertüncht den Tabakgeschmack. Das EU-Verbot von Glimmstengeln mit Menthol findet das Blatt trotzdem falsch: Man verbiete ja auch keine Piña Colada, weil man den Alkohol nicht schmeckt.

"Scheint hier ein Historikerstreit 2.0 auf, nur mit verkehrten Vorzeichen?", fragt Mara Delius in der Tageszeitung DIE WELT und bezieht sich auf die Debatte um die Antisemitismusvorwürfe gegen den kamerunischen Historiker Achille Mbembe.

"Hat Jürgen Habermas’ These revisionistischer Historiker im Dienst eines nationalkonservativen Geschichtsbilds das Kostüm gewechselt und tritt nun in Gestalt relativierender Erinnerungskulturtheoretiker im Dienst eines progressiven Zukunftsbildes auf?", legt Delius nach und zeigt sich besonders erbost über einen von 700 afrikanischen Intellektuellen unterzeichneten offenen Brief:

Kritik am offenen Brief pro Mbembe

"Wir, afrikanische Intellektuelle, Denker-, Schriftsteller-, KünstlerInnen, verurteilen vorbehaltlos die lügnerischen Antisemitismus-Anschuldigungen rechtsextremer, fremdenfeindlicher und rechtskonservativer Gruppierungen in Deutschland gegen Professor Achille Mbembe", zitiert die WELT-Journalistin den Anfang dieses Briefes, um sich dann über dessen Fortgang zu erregen:

"Was dann auf knapp sieben Seite folgte, war eine von beleidigtem Pathos strotzende Anklageschrift, die einerseits die Absicht äußerte, einen 'freien und respektvollen interkulturellen Dialog' suchen zu wollen, andererseits mit jeder Zeile beinahe genüsslich diskursiven Druck ausübte auf ein historisch gleich doppelt vorbelastetes schlechtes Gewissen Deutschlands: als ehemalige Kolonialmacht und als für die Shoah verantwortliches Tätervolk."

Direkt neben diesem Artikel schlägt sich die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann auf die Seite Achille Mbembes:

"Ich meine, dass jeder das Recht haben sollte, aus der eigenen Gewalterfahrung heraus seinen Zugang zum Holocaust zu entwickeln, vorausgesetzt, dass das Band dieser Verbindung nicht der Hass ist, sondern die Empathie. Das ist eigentlich die Schlüsselfrage in der ganzen Diskussion. Kritiker sehen in Mbembe einen Hassprediger; ich sehe ihn auf der Seite der Empathie", versucht Assmann die Wogen zu glätten.

In der Wochenzeitung DIE ZEIT hingegen äußert sich der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, der mit seinen Vorwürfen gegen Mbembe vor ein paar Wochen die Debatte eröffnete, mit den folgenden Worten:

"Ich habe problematische Texte Achille Mbembes kritisiert und das auch begründet. Ich erfülle meinen Auftrag, wie er vom Deutschen Bundestag in mehreren Entschließungen formuliert worden ist, gerade auch im Hinblick auf israelbezogenen Antisemitismus. Für eine Entschuldigung sehe ich keinen Anlass."

Ob das alles wirklich für einen Historikerstreit 2.0 reichen wird, bleibt abzuwarten, aber eine Fortsetzung der Debatte im Feuilleton ihres Vertrauens kann wohl als gesichert gelten.

Venedig: Harry's Bar macht dicht

Von einem traurigen Ende hingegen ist in der WELT zu lesen: "Die Faschisten hat Harry’s Bar in Venedig überlebt, das Virus nicht", schreibt Dirk Schümer und erinnert an die einzige Zwangsschließung der Barlegende oder Legendenbar:

"Das war 1943, als die Faschisten das historische Lokal am Canal Grande beschlagnahmten. Ansonsten wurde die klassische Bar in den 89 Jahren ihrer Existenz berühmt durch Stammgäste wie Arturo Toscanini, Ernest Hemingway oder Charlie Chaplin, was dem Lokal vor einigen Jahren den Ehrentitel des 'Patrimonio Culturale' bescherte."

Rauchen durfte man in dieser nun als "Allgemeines Kulturgut" schließenden Bar aber auch seit Jahren schon nicht mehr. Was uns zu einem Ende führt, das vielleicht nicht ganz so traurig ist:

"Ab heute ist die Mentholzigarette in der EU verboten", schreibt Stefan Reinecke in der TAZ: "Gegen die Mentholzigarette spricht alles: Sie ist nicht ehrlich. Das anscheinend frische, arg künstlich wirkende Menthol übertüncht den wunderbaren Geschmack des Tabaks", stellt der TAZ-Autor fest.

Genau deshalb wird die Mentholzigarette übrigens verboten, weil die EU glaubt, die Raucher ahnten nichts vom Gift unter dem Mentholduft. Was Reinecke dann aber doch übertrieben findet: "Was kommt als nächstes? Piña Colada verbieten, weil man den Alkohol nicht schmeckt?"

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